WRC Rally Jordanien – Wer hat Angst vorm ersten Platz?
Dennis Gerike
Der dritte WRC-Lauf der Saison begann mit einer kleinen Karnevalseinlage. In Römer-Montur, mit Rüstung, Schild und Lanze bewehrt sahen die Protagonisten der Rally-WM aus, wie frisch einem Asterix & Obelix Film entsprungen (s. erstes Video unten). Die ausgefallene Idee des jordanischen Veranstalters war aber nur ein (unfreiwilliger) Vorgeschmack auf die kreativen Ansätze zum Thema Regelinterpretation, die man am dritten Rallytag von den beiden Top-Teams präsentiert bekam. Aber der Reihe nach.
Auf dem Programm stand eine der härtesten Rallys des Jahres. Die Etappen rund ums Tote Meer waren streckenweise sehr schnell, teilweise aber auch technisch sehr anspruchsvoll. Das Gelände war aufgrund fehlender Anhaltspunkte in der eintönigen Landschaft oftmals schwer zu lesen, was den Fahrer dazu zwang dem Copiloten noch genauer als sonst zuzuhören und sich voll auf das “Gebetbuch” zu verlassen. Die extreme Hitze machte die Sache für die Fahrer auch nicht leichter. Fast jede Onboard-Kamera zeigte gequälte Gesichter im Cockpit. Der Streckenrand war zu Hauf mit richtig großen Steinbrocken gespickt, denen es galt, nicht zu nahe zu kommen. Krasse Steigungen und Gefälle gehörten ebenfalls zum Repertoire, wie die zur Genüge vorhandenen Abgründe und Böschungen, die man schnell mal herunterpurzeln konnte. Also eigentlich die perfekten Konditionen für Ex-Formel-1-Weltmeister Kimi Raikkonen, um mal wieder für spektakuläre Bilder zu sorgen. Dieser hielt sich in Jordanien – das sei vorweggenommen – aber schadlos und brachte seinen Citroen C4 erstmals in einem Stück in den Service Park zurück.
Das Straßenfeger-Problem
Weiter vorne im Feld war die Zielsetzung freilich eine völlig andere. Nur ankommen und das Auto nicht zu verschrotten reichen nicht und sind bestenfalls notwendige aber nicht hinreichende Bedingung. Das Ziel der Speerspitzen von Ford und Citroen ist natürlich der Sieg – und das um jeden Preis. Grenzwertige Taktikspielchen gehören leider seit einiger Zeit zur Tagesordnung bei den Rally-WM-Läufen. Um am Folgetag nicht als Erster auf die Bahn zu müssen, werden auch mal gezielt gute Platzierungen für eine bessere Ausgangssituation geopfert. Die aktuellen Regeln sehen vor, dass die Etappen immer in der Reihenfolge des Gesamtklassements (nur am ersten Tag) bzw. in der Reihenfolge der aktuellen Platzierung in der Rally (Tag 2 und 3) gestartet werden. Mal abgesehen von Wetterkapriolen, die zur Benachteiligung des ein oder anderen Fahrers führen würde (was bisher recht selten passiert ist) scheint diese Vorgehensweise auf den ersten Blick legitim und sinnvoll zu sein. Die Tücke liegt wie immer im Detail. Die WRCs starten immer als erste (also vor den Rahmenrennserien P-WRC, Junior-WRC & Co.), finden die Strecke also in einem mehr oder weniger jungfräulichen Zustand vor. Speziell bei Schotterrallys treten dabei zwei Probleme auf. Der erste Fahrer legt eine gut sichtbare Spur, an der sich die anderen orientieren und davon profitieren können. Nicht optimal, könnte man aber unter Herausforderung für den Führenden verbuchen. Wesentlich schlimmer ist aber, dass der Führende den “Straßenfeger” spielen muss, soll heißen, dass er einen großen Teil des losen Schotters von der Strecke fährt und aufgrund des geringeren Grip-Levels Zeit verliert. Die nachfolgenden Autos können daraufhin die Passage wesentlich schneller passieren. Diesen Effekt bekam zuletzt auch Petter Solberg schmerzlich zu spüren, der lange Zeit bei der Rally Mexiko in Führung lag. In Jordanien war Jari-Matti Latvala das Opfer. Der verlor nach einer relativ bequemen Führung am zweiten Tag eine komplette Minute auf Sébastien Loeb. Dieser massive Nachteil des Ersten auf der Bahn führt nun zu der absurden Situation, dass die Fahrer den ganzen Tag voll attackieren und um jede Zehntelsekunde fighten, um dann 200 Meter vor dem Etappenziel das Auto langsam ausrollen zu lassen. “Optimalerweise” lässt man sich etwa auf Platz vier oder fünf zurückfallen, um am nächsten Tag gute Siegchancen zu haben.
Die “kreative” Lösung
Da die dritte Etappe in Jordanien im Vergleich zu anderen Rallys extrem lang war (8 der 21 WPs) nahm das Taktieren bisher nicht gesehene Ausmaße an (wohlgemerkt alles innerhalb der Regeln!). Das war die Ausgangslage am letzten Tag:
- Loeb
- Ogier
- Latvala
- Solberg
- Sordo
Mit einem vorgetäuschten Schaden an Ogiers Fahrzeug zwang man Latvala einen Platz aufzurücken und so direkt nach Loeb zu starten. Ford konterte, indem sie Hirvonen durch einen “Frühstart” auf Ogiers Platz hievten. Damit war der status quo für die Sieganwärter Loeb und Latvala eigentlich wieder hergestellt. Citroen hatte aber noch einen letzten Trumpf im Ärmel. Da Ogier durch die erste Aktion sowieso schon einige Strafminuten einstecken musste, konnte man ihn auch gleich komplett opfern. Er wurde analog zu Hirvonen viel zu früh zum Start geschoben, konsequenterweise gleich auf Position eins. Die Startreihenfolge sah danach folgendermaßen aus:
- Ogier
- Loeb
- Hirvonen
- Latvala
- Solberg
- Sordo
Sébastien Loeb musste nun nicht mehr Straßenfeger spielen und konnte im Verlauf der letzten Etappe seinen Vorsprung gegenüber Latvala sogar noch ausbauen und die Rally mit einem relativ komfortablen Vorsprung gewinnen. Ogier und Hirvonen waren die Bauernopfer in diesem Schachspiel. Die Rochaden brachten ihnen jeweils viele Strafminuten ein und warfen sie im Klassement weit zurück.
Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass bei der FIA jetzt die Hütte brennt. Da hat man gerade erst das Skandaljahr in der Formel 1 hinter sich gebracht, knallts plötzlich in der WRC. Bisher schien die FIA die Situation emotionslos hingenommen zu haben, da dieses Straßenfeger-Problem die Rally bis zum dritten Tag künstlich spannend hielt. So extrem exerziert, wie in Jordanien schadet es der Rally-WM aber mehr als es nützt. Zumal auch keiner der involvierten Fahrer von diesen Spielchen begeistert schien. Zumindest vor laufender Kamera war kollektives Zähneknirschen angesagt.
Petter Solbergs gute Laune hat das ganze Theater nicht negativ beeinflusst. Der Norweger, der mit seinem 6-jährigen Sohnemann vor Ort war, konnte seine Leistung aus Mexiko bestätigen und erneut einen Podestplatz einfahren. Nach den vielen ernüchternden Jahren mit Subaru hat er mit dem Citroen C4 endlich wieder Siegmaterial in den Händen und kann um die WM mitfahren. Platz drei in Jordanien bringt ihn diesem Ziel etwas näher. Im Gesamtklassement ist er auf Position 4 aufgerückt. Mikko Hirvonen, dem Titelkandidaten bei Ford verging das Lachen schon auf der ersten Wertungsprüfung. Ein kleiner Dreher spülte ihn ans Ende der Top 10. An Tag 2 dürfte die Laune dann komplett über Bord gegangen sein. In Wertungsprüfung 8 rollte er seinen Ford Focus fast ab. Der Wagen kam zwar ohne Überschlag und in der richtigen Richtung und auf allen Vieren wieder zum Stehen. Die unsanfte Landung nahm ihm die Radaufhängung aber im wahrsten Sinne des Wortes krumm (s. zweites Video unten). Die Taktikspielchen warfen Hirvonen am dritten Tag dann endgültig aus den Punkterängen heraus – Platz 2 in der Meisterschaft ist damit futsch. Diese Position schnappt sich Teamkollege Jari-Matti Latvala. Der hat sich von dem ganzen Trubel nicht verrückt machen lassen und eine astreine, fehlerfreie Rally gefahren. Nach dem Crashjahr 2009 hat er über den Winter scheinbar den richtigen Schalter im Hirn gefunden, der ihn vor der Wiederholung der vielen dummen und unnötigen Unfällen der Vergangenheit bewahrt.
Ergebnisse
- S. Loeb (Citroen) 3:51:35.9
- J. Latvala (Ford) +35.8
- P. Solberg (Citroen) +1:11.8
- D. Sordo (Citroen) +1:49.3
- M. Wilson (Ford) +8:24.3
- S. Ogier (Citroen) +10:26.4
- F. Villagra (Ford) +11:28.0
- K. Räikkönen (Citroen) +12:31.0
- H. Solberg (Ford) +14:08.6
- X. Pons (Ford) +18:33.9
Gesamtklassement
- S. Loeb – 68 Punkte
- J. Latvala – 43 Punkte
- M. Hirvonen – 37 Punkte
- P. Solberg – 35 Punkte
- S. Ogier – 33 Punkte
- D. Sordo – 24 Punkte
- H. Solberg – 18 Punkte
- M. Wilson – 16 Punkte
- F. Villagra – 12 Punkte
- X. Pons – 5 Punkte
Videos












11. April 2010 um 13:08
Toller Beitrag!