Video 24 Stunden Nürburgring 2010 – Hochspannung bis zur letzten Sekunde

Dennis Gerike
BMW M3 GT2 - 24h-Rennen Nürburgring 2010

BMW M3 GT2 - 24h-Rennen Nürburgring 2010

Wenn man sich auf eines verlassen kann, dann darauf, dass das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring unberechenbar ist. Am Donnerstag zeigte sich die Eifel erst einmal von seiner schlechtesten Seite und begrüßte die knapp 200 angereisten Teams mit nass-kaltem Wetter. Das erste Zeittraining musste am Abend sogar wegen starken Nebels abgebrochen werden. Die bis dahin gefahrenen Zeiten hatten aufgrund der wiedrigen Bedingungen zwar keine große Aussagekraft, die provisorische Pole des Farnbacher-Ferrari F430 GTC ließ aber dennoch aufhorchen. Seit der Premiere im Jahre 1970 hatte sich nämlich bisher noch kein einziger Ferrari in die Eifel zum 24h-Rennen verirrt. Zum Glück hatte der Eifel-Gott dann doch noch ein Einsehen und schob das schlechte Wetter für den Rest des Wochenendes beiseite.

Die zweite Qualifikation am Freitag lief daraufhin wieder in geordneten Bahnen ab und die Zeitentabellen sahen wieder so aus, wie erwartet. Naja fast. Die Audi-Mannschaft, die mit sage und schreibe sieben R8 LMS angerückt waren, brachten ihre vier Topautos (2x Abt, 2x Phoenix) allesamt in die ersten beiden Startreihen. Mit einer 8:24.753 pulverisierte Polesetter Marco Werner die Bestzeit aus dem Vorjahr, die er um über zehn Sekunden unterbot. Dahinter reihten sich die Porsches von Mamerow und Manthey ein. Der in den letzten vier Jahren dominierende 911er von Manthey (#1) beließ es zwecks Materialschonung bei nur einer gezeiteten Runde. Das reichte für Startplatz 7. Auch BMW blieb etwas hinter den Erwartungen zurück. Die von der extrem erfahrenen Schnitzer-Truppe betreuten M3 GT2 mussten sich vererst mit Platz 8 und 11 begnügen. Dass ein guter Startplatz aber in kaum einem Rennen so irrelevant ist, wie in der Eifel, sollte nicht zuletzt der Farnbacher-Ferrari beweisen. Die Exoten mussten das Rennen von Startplatz 46 in Angriff nehmen und konnten trotzdem noch sehr weit nach vorne fahren.

Die Anzahl an potenziellen Siegkandidaten war dieses Jahr immens. Neben den genannten Teams musste man noch den nagelneuen Hybrid-Porsche (ebenfalls von Manthey eingesetzt) oder den Rest der Audi-R8-Flotte auf der Rechnung haben, ebenso wie die diversen Cup-Porsche oder auch die von Schubert Motorsport und Dörr Motorsport eingesetzten BMW Z4 GT3.

BMW Z4 GT3 - 24h-Rennen Nuerburgring 2010

BMW Z4 GT3

BMW 130i GTR - 24h-Rennen Nuerburgring 2010

BMW 130i GTR #107

Porsche 911 GT3 R Hybrid - 24h-Rennen Nürburgring 2010

Porsche 911 GT3 R Hybrid

Déjà-vu am Samstag-Morgen. Die Seat Leon Supercopas mussten sich im Rahmenrennen wieder über eine nebelverhangene Nordschleife mühen. Nachmittags klarte es aber glücklicherweise wieder auf und DIE Motorsport-Party des Jahres mit über 220.000 Fans an der Strecke konnte beginnen.

Um 15:00 Uhr hatte das Warten endlich ein Ende. Das fast 200 Fahrzeuge starke Feld stürzte sich mit lautem Gebrüll ins Abenteuer “Grüne Hölle”. Dass Manthey im Qualifying bei weitem nicht alle Karten aufgedeckt hat, musste die Konkurrenz schon auf den ersten Metern schockiert feststellen. Der Porsche mit Marcel Tiemann am Steuer flügte durchs Feld, als gäbe es kein Morgen mehr. Nach wenigen Kilometern, noch bevor es überhaupt auf die Nordschleife ging war der 911er an allen Gegnern, inklusive der Viererformation R8 vorbei und hatte sich am Ende der Grand-Prix-Strecke schon ein paar Sekunden Vorsprung erarbeitet. Begeistert waren die gegnerischen Teams von Audi und BMW davon nicht gerade, sollte doch das Balance of Performance-System die Fahrzeuge dicht beieinander halten. Die Geschichte war aber recht schnell wieder vergessen, denn die nächsten 24 Stunden wurden ereignisreicher als eine gesamte DTM- und Formel-1-Saison zusammen.

BMW eröffnete am Nachmittag bzw. frühen Abend den Reigen der Zwischenfälle. In einem spektakulärem Abflug nahm sich Dirk Werner im 26er M3 alle Chancen auf eine gute Platzierung. Im Verkehr lief er auf einen der Sciroccos auf und stand plötzlich vor dem Dilemma rechts über die Wiese auszuweichen oder den Vordermann als Bremse zu missbrauchen. Werner entschied sich für Option A, hatte damit aber keine Chance mehr den Wagen vor der nächsten Kurve ausreichend abzubremsen. Das Ende vom Lied war ein Einschlag in die Leitplanken und damit einhergehend eine lange Reparaturzeit in der Box.  Claudia Hürtgen erwischte es noch schlimmer. Nach einem heftigen Unfall hatte der BMW Z4 GT3 von Schubert Motorsport nur noch Schrottwert. Ein wenig, aber nicht viel besser  erging es der Crew des 1er BMWs mit der Startnummer 107. Ein unachtsamer Mini-Fahrer traf den “scharfen” BMW volle Breitseite. Für beide war an der Leitplanke erst einmal Endstation. Der nur noch von Tape zusammengehaltene BMW konnte sich am folgenden Tag aber noch als 123. und damit letzter über die Ziellinie schleppen.

Die anderen Top-Teams konnten sich dem Rennpech aber auch nicht entziehen. Als erstes erwischte es den Abt-Audi mit der Startnummer 2. Zwei Reifenschäden innerhalb von nur zwei Runden kosteten wertvolle Zeit. Der von Manthey eingesetzte Hybrid-Porsche zog sich ebenfalls einen Plattfuss zu. Die ersten Ausfälle kamen dann bei Einbruch der Nacht. Der 98er Phoenix-Audi, der als zweiter ins Rennen ging musste nach Motorschaden aufgeben. Dramatisch wurde es kurz vor Mitternacht, als fast gleichzeitig der “DTM”-Audi #100 und der souverän in Führung liegende Manthey-Porsche #1 in Unfälle verwickelt wurden. Das Klassement war danach kräftig durcheinanderewirbelt. Vorne  lag nach neun Stunden der einzige der Top-Audi, der bisher nicht in Problemen steckte. Die #99, besetzt mit Biela, Kaffer, Fässler und Hennerici konnte sich die ganze Nacht über gegen den Hybrid-Porsche #7 behaupten, der dank Schwungradspeicher seine Tankstopps um jeweils ein bis zwei Runden hinauszögern konnte. Der Audi mit der Startnummer 2 war auch wieder in Schlagdistanz gekommen und lag auf Position 3, dahinter der BMW M3 von Müller, Farfus, Alzen und Lamy, dicht gefolgt vom Farnbacher-Ferrari, der eine wahnsinnige Aufholjagd hinter sich hatte. Auf Position 6 fand sich der nächste BMW, nämlich der zweite Z4 #76 von Schubert Motorsport.

Beim diesjährigen 24h-Rennen vorne zu liegen, war definitiv kein gutes Omen. Bei Sonnenaufgang erwischte es den 99er Audi, der nach mehreren technischen Gebrechen (Aufhängung, Getriebe) aufgeben musste. Der Nummer-2 Audi, der sich tapfer wieder auf Position 2 vorkämpfte wurde ebenfalls Opfer der Renngötter. Nach 20 Stunden fiel auch der letzte der Top-Audis aus. Von den Top-Porsches war auch nur noch einer übrig, nämlich der Hybride von Manthey Racing, der inzwischen mit einem komfortablen Vorsprung vorne lag. Dreimal darf man raten, wie die Geschichte weiterging. Ja, genau, auch den Zuffenhausener Sportwagen raffte es dahin – Motorschaden. Zwei Stunden vor Schluss saß damit BMW auf dem Schleudersitz.

BMW M3 GT2 - 24h-Rennen Nuerburgring 2010

BMW M3 GT2

Ferrari F430 GTC - 24h-Rennen Nuerburgring 2010

Ferrari F430 GTC

Audi R8 LMS - 24h-Rennen Nuerburgring 2010

Audi R8 LMS

Es dauerte nur 30 Minuten, bis sich auch in der weiß-blauen Box Nervosität breit machte. Erst waren es nur Gerüchte, dann wurde es offiziell bestätigt. Beim führenden Fahrzeug gab es Probleme mit dem Getriebe. Wie groß diese waren, konnte man als Zuschauer aber nur schwer einschätzen, da sich die Schnitzer-Jungs relativ bedeckt hielten. Im Interview nach dem Rennen stellte sich dann heraus, dass schon gegen 12 Uhr der vierte Gang hopps gegangen war und der Rest des Getriebes auch nicht mehr den gesündesten Eindruck machte. Jörg Müllers Kommentar: “Das hat gescheppert in dem Bock. Das kann sich kein Mensch vorstellen.” Uwe Alzen: “Das Getriebe ist komplett Fratze.” Ab diesem Moment konnte die die Taktik nur noch lauten, so schnell wie nötig und so materialschonend, wie möglich zu fahren. Da der Ferrari über eine Runde zurücklag hatte man ein Polster von gut 10 Minuten. Als wenn das noch nicht spannend genug wäre, gabs beim letzten Boxenstopp noch einen zusätzlichen Adrenalinschub. Ein heftiges Feuerchen beim Tanken hätte für das letzte verbliebene Favoriten-Auto ebenfalls das Aus bedeuten können. Für die Bayern ging aber alles gut aus. Eine etwas zu schnell gefahrene letzte Runde brachte Bleifuss-Alzen zwar noch einmal kurz in Bedrängnis. Auf den letzten Metern musste er extrem abbremsen, um auf jeden Fall nach 15:00:00 Uhr über die Linie zu kommen und somit keine weitere Runde mit dem maladen Getriebe fahren zu müssen. Aber auch diese Hürde wurde genommen und BMW konnte das 38. 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring tatsächlich gewinnen. Der E92 M3 GT2 tritt damit in die großen Fußstapfen des E46 M3 GTR, der die Münchener 2004 und 2005 mit Siegen beglückte.

Auf Platz 2 lief sensationell der Farnbacher-Ferrari ein. Der Exot auf dem Ring kam ohne größere Probleme durch, was bei einem 24h-Rennen erfahrungsgemäß die halbe Miete ist. Das gleiche gilt für den Porta Audi R8, der quasi als Reserve ins Rennen geschickt wurde, falls, Zitat: “vorne der Krieg ausbricht”. Mit reduzierter Schlagzahl, ohne Fehler, technische Gebrechen oder Unfälle wurden sie bis auf Position drei vorgespült und sorgten dafür, dass Audi nach dem immensen Aufwand wenigstens nicht ganz leer vom Ring abreisen musste. Knapp am Podium vorbei ging es für die Schubert-Truppe, die nach dem frühen Ausfall des ersten Z4 mit Position 4 hoch zufrieden sein können.

Für Porsche war die Ausbeute dieses Jahr ziemlich mau. Zwar schafften es drei Cup-Porsche unter die ersten zehn – der erste wird aber erst auf Position 6 geführt. Wenige Plätze dahinter sorgte dennoch ein Porsche für anerkennendes Nicken. Auf einem sehr guten 13. Platz rollte der Porsche 911 GT3 RS mit der Startnummer #11 ins Ziel. Das besondere daran: Es handelt sich um ein voll straßenzugelassenes Serienauto, das nur minimal für das Rennen umgebaut wurde. Zum Beweis legte der RS den Weg von Stuttgart bis in die Eifel nicht auf dem Anhänger, sondern auf eigener Achse zurück.

Zum Schluss noch ein Lob für Sport1, die übers Wochenende verteilt über 20 Stunden live vom Nürburgring gesendet haben. Soviel Sendezeit bekommt nicht jede Sportveranstaltung zugestanden – und auch nur selten so gut gefüllt. Lob auch für die Auswahl an kompetenten Co-Kommentatoren, die im fliegenden Wechsel bei Edgar Mielke über ihre Eindrücke auf und neben der Strecke berichteten durften. Und nicht zuletzt auch noch ein Lob an die WIGE GmbH, die ihre Kameras überall hatten und es schafften, trotz 25 km Streckenlänge immer die spannendsten Kämpfe und Ereignisse herauszufischen und auf die Mattscheibe zu beamen.

Rennergebnis

  1. Müller/Farfus/Alzen/Lamy (BMW M3 GT2) 154 Runden
  2. Farnbacher/Simonsen/Keen/Seefried (Ferrari F430 GTC) +3:54 min
  3. Rostek/Ludwig/Bronzel/Winkelhock (Audi R8 LMS) +1Rd
  4. Hartung/Söderlund/Sandström/Öhlin (BMW Z4 GT3) +2Rd
  5. Jöns/Breslin/Stuck/Heyer (Audi R8 LMS) +2Rd
  6. Alzen/Schwager/Jäger/Bert (Porsche GT3 Cup S) +3Rd
  7. Werner/Müller/Priaulx/Adorf (BMW M3 GT2) +4Rd
  8. Zehe/Schelp/Roloff/Bullitt (Porsche GT3 Cup S) +4Rd
  9. Aust/Adams/Übler/Grossmann (BMW Z4 GT3) +5Rd
  10. Weiland/Forbes/Riemer/Horn (Porsche 997 GT3 Cup) +6Rd

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