WRC Rally Neuseeland
Dennis GerikeDrei Wochen nach der Türkei-Rally machte sich der WRC-Tross auf in Richtung fünfter Kontinent, um die fünfte Rally im Kalender in Angriff zu nehmen. Ziel war aber nicht Australien, sondern die fast unberührte Natur Neuseelands. Die bei Fahrern und Zuschauern gleichermaßen beliebte Veranstaltung hatte alles, was das Herz begehrt. Driftende Autos, viele Führungswechsel, Dramatik und Spannung bis zum letzten Kilometer und unvergleichliche Strecken. Die schnellen, aber auch sehr flüssig zu fahrenden Kurvenfolgen, die dazu auch noch in die wunderschöne Landschaft eingebettet sind, machen schon beim Zuschauen Laune. Noch mehr Spass hatten sicherlich die Fahrer, die unisono von Neuseelands Kurvenparadies schwärmten. Petter Solberg umschrieb es ganz poetisch mit “It’s like dancing through the forest” – “Es ist wie durch den Wald zu tanzen”.
Die Neuseeland-Rally ist aber nicht nur für sich betrachtet eine höchst attraktive Veranstaltung. Aufgrund der Punktesituation konnte sie potentiell auch zu einer kleinen Vorentscheidung in der WM führen. Obwohl gerade mal ein Drittel der Saison vorbei, war Sébastien Loeb dank des neuen Punktesystems seinen Verfolgern schon um volle 41 Punkte enteilt. Bei Loebs extrem niedriger Fehlerquote und der stets optimalen Taktik war Sieg numero 58 eigentlich nur noch Formsache. Für Fords Speerspitze und Titelaspirant Mikko Hirvonen ging es also darum, das zu verhindern und nach dem Auftakterfolg in Schweden endlich mal wieder vor Loeb ins Ziel zu kommen, optimalerweise natürlich auf Platz 1.
Aber schon der erste Tag lief für Hirvonen nicht wirklich nach Plan. Auf der ersten Etappe fing er sich 20 Sekunden Rückstand ein. Rückstand aber ausnahmsweise nicht auf Sébastien Loeb sondern auf Petter Solberg. Der kommt mit seinem Citroen C4 immer besser in Fahrt und beendete Tag 1 mit fünf Sekunden Vorsprung auf Jari-Matti Latvala. Dahinter sortierten sich Ogier, Sordo, Hirvonen und Wilson ein. Loeb tauchte erstaunlicherweise erst auf Position sieben auf. Was war passiert? Auch wenn der Franzose mal wieder den Straßenkehrer spielen musste, soooo langsam ist er dann aber normalerweise doch nicht. Grund für den Zeitverlust war einer der seltenen Fahrfehler von Mr. Perfect. Auf der vierten Wertungsprüfung unterschätzte er eine Kurve und rauschte mit der Fahrerseite voran quer in einen Brückenpfeiler. Außer der Tür ging glücklicherweise nichts weiter kaputt. Um das massiv kaltverformte Stück Altmetall allerdings wieder halbwegs zu fixieren vergingen mindestens 1:40 min.
Den Franzosen deshalb schon abzuschreiben, war aber ein riesiger Fehler. “Dank” des Rückstandes konnte Loeb an Tag 2 mit deutlich besserer “Track-Position” ins Rennen gehen und nutzte dies gnadenlos aus. Wie vom Teufel besessen heizte er durch die Prüfungen und nahm der Konkurrenz teilweise bis zu 20 Sekunden ab – eine Demütigung. Am Ende des Tages war der Abstand auf den Führenden Sébastien Ogier auf homöopathische fünf Sekunden eingeschmolzen und der Sieg wieder vollkommen realistisch. Solberg ließ sich von dem Trubel nicht verunsichern. Zwar fehlte ihm vor Beginn der letzten Etappe fast eine Minute auf die Spitze, aber aufgeben gilt nicht und ein Sieg lag immer noch im Bereich des Möglichen. Sein letzter Erfolg in Neuseeland liegt mittlerweile 6 Jahre zurück. Es war also höchste Zeit, mal wieder was für die Statistik zu tun.
Der letzte Tag bestand eigentlich nur noch aus vier Wertungsprüfungen, war an Dramatik aber kaum zu überbieten. Ogier leistete sich gleich zu Beginn einen Dreher, der ihn mindestens zehn Sekunden kostete, konnte eine WP später aber die Führung wieder zurückerobern. Nur Loeb fehlte plötzlich (schon wieder) unter den Frontrunnern. Ein Ausflug in die Botanik kostete ihn erneut eine Unmenge an Zeit. Danach war der Rhythmus scheinbar völlig beim Teufel. Auf der letzten Wertungsprüfung zerstörte ein weiterer Dreher sämtliche Sieghoffnungen. Ogier machte es dem siebenfachen WRC-Champion gleich, drehte sich ebenfalls kurz vor dem Ziel einmal und überreichte damit Jari-Matti Latvala den Sieg auf dem Silbertablett. Der Finne kam so, ohne eine einzige Speziale zu gewinnen zu 25 Punkten. Solbergs Träume vom Sieg zerschellten ebenfalls wenige Kilometer vor dem Ziel. Ein unsanfter Ausritt ins Grüne beendete die Rally des Norwegers. Die Strafe war der Absturz von Platz 2 auf 5 im Gesamtklassement.
Hirvonen entwickelt sich derweil für Ford langsam zum Sorgenkind. Nach dem Sieg in Schweden ist irgendwie die Luft raus. Seitdem ist er vom fahrerischen Niveau her nicht mehr er selbst. In Jordanien sagte er nach seinem Ausfall und Beinahe-Überschlag selbst, er wünsche sich den alten Mikko zurück. Der ist bisher aber noch nicht wieder aufgetaucht. Die 20 Sekunden Rückstand an Tag 1 sind zuviel für jemanden, der um die WM kämpft. Tag 2 lief auch nicht besser. Da beraubte er sich mit einem kleinen Unfall gleich auf der ersten WP einer guten Ausgangslage und fing sich über den Tag verteilt noch einmal 40 Sekunden ein. Nur dank Loebs Aussetzern und Solbergs Ausfall konnte Hirvonen am Ende noch Platz 4 abstauben bzw. den Punktabstand zum Rekordsieger halbwegs halten. Durch Latvalas Triumph ist die WM-Vorentscheidung noch einmal vertagt worden. Die Lücke zwischen Loeb und seinen Verfolgern ist auf 36 Punkte geschrumpft. In der Hersteller-Wertung ist noch wesentlich mehr Pfeffer drin. Citroen und Ford liegen nur fünf Punkte auseinander.
Ergebnisse
- Jari-Matti Latvala (Ford)
- Sébastien Ogier (Citroen) +2.4
- Sébastien Loeb (Citroen) + 15.2
- Mikko Hirvonen (Ford) + 21.3
- Daniel Sordo (Citroen) +25.8
- Matthew Wilson (Ford) +3:26.0
- Henning Solberg (Ford) +6:15.3
- Jari Ketomaa (Ford) +10:19.3
- Federico Villagra (Ford) +10:49.8
- Xavier Pons (Ford) +11.13.4
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Tags: Citroen, Ford, Neuseeland, Rally











