WRC Rally Bulgarien – Neue Rally, alter Favorit

Dennis Gerike
Sébastien Loeb - WRC Bulgarien 2010

Sébastien Loeb - WRC Bulgarien 2010

Sollte nichts ungewöhnliches passieren, dann werden die nächsten Rallys der reinste Albtraum für Sébastien Loebs Gegner. Bis September stehen vier Asphalt-Rallys am Stück an. Vier Rallys, bei denen Loeb noch mehr Favorit ist, als sonst ohnehin schon. Nicht nur, dass der sechsfache Weltmeister auf festem Untergrund besonders schnell ist, auch fällt bei diesem Belag der übliche Nachteil des Straßenkehrens weg. Bei den bisherigen Schotter-Rallys verlor Loeb am jeweils ersten Tag viel Zeit, weil er als erster der WM auch immer als erster auf die Strecke muss. Sein Citroen C4 war da mehr im Räum- denn im Renneinsatz. Die verlorene Zeit musste er sich dann jeweils an den nächsten beiden Tagen wieder (mühsam) zurückholen. Auf Asphalt fällt dieser Nachteil weg und so kam es, wie es kommen musste. Ab der ersten Wertungsprüfung blies Loeb zum Angriff und erstickte die Siegambitionen der Konkurrenz gleich im Keim. Tag 1 endete mit 4 von 4 WP-Siegen und einem Vorsprung von 30 Sekunden.

Eine große Veränderungen gab es im Team von Petter Solberg. Nach 152 gemeinsamen WRC-Starts räumte Co-Pilot Phil Mills mit sofortiger Wirkung den Beifahrerplatz. Der Brite möchte sich mehr um seine Familie kümmern. Das Dream-Team hatte in den letzten 11 Jahren 13 Siege und einen WM-Titel errungen. Der spontane und unerwartete Abschied brachte Solberg in der Sommerpause etwas ins Rotieren. Innerhalb weniger Wochen musste er einen neuen Co-Piloten finden. An Bewerbern mangelte es nicht. Knapp 50 Kandidaten standen auf der Matte. Am Ende fiel die Wahl auf den 41jährigen WRC erfahrenen Chris Patterson, der auch schon Navigator von Nasser Al-Attiyah, Kris Meeke und Alister McRae war.

Für Quereinsteiger Kimi Räikkönen waren die Voraussetzungen in Bulgarien optimal. Er sitzt im anerkannt besten Auto (Citroen C4) und kennt sich als Ex-Formel1-Pilot auf Asphalt natürlich bestens aus. Außerdem nutzte er die sechswöchige Pause, um bei der Rallye Lanterna (Italien) weitere Erfahrung zu sammeln. Auch wenn eine Rally wenig mit einem Formel-1-Rundkurs gemein hat, so konnte Räikkönen wohl doch etwas von seiner Asphalt-Erfahrung profitieren. Die ersten drei WPs in Bulgarien beendete er sehr gut als 5., 5. und 6. Danach war aber leider schon wieder Schluss. Vielleicht hatte der Iceman zu viel Red Bull im Tank, auf jeden Fall endete der bis dahin sehr gute Tag für ihn im Straßengraben. Für seine Mechaniker bedeutete das eine zusätzliche Nachtschicht um den C4 für den nächsten Tag wieder fahrbereit zu bekommen.

Ford muss inzwischen auf ein Wunder hoffen. Für das Team um Malcolm Wilson ist der Zug eigentlich schon abgefahren. Konnten Hirvonen und Latvala am Anfang der Saison noch um die WM mitkämpfen ist jetzt bei Halbzeit die Luft raus. Das Treppchen ist teilweise nicht mehr aus eigener Kraft zu erreichen. Und selbst, wenn Loeb vom Blitz getroffen wird, es sind noch genügend andere Citroen da, die schneller sind als die Ford. Zudem fehlt es dem britischen Team an Konstanz. Zu den beiden Siegen in Schweden und Neuseeland gesellen sich viele mäßige Ergebnisse. In Bulgarien erlebten die blauen (hoffentlich) den Tiefpunkt. Zuerst waren sie zu langsam, dann verpokerten sie sich am Samstag  bei schwierigen Wetterbedingungen auch noch bei der Reifenwahl. Mit harten Reifen auf feuchter Piste war kein Blumentopf zu gewinnen. Am Ende landeten Hirvonen und Latvala auf Platz fünf und sechs, jeweils deutlich über drei Minuten von der Spitze entfernt. Autsch!

Am Samstag konnte (oder wollte) Loeb das D-Zug-Tempo des Vortages nicht mehr gehen. Die Vergrößerung des Vorsprungs verlief wesentlich zäher, als noch am Freitag. Insgesamt stritten sich die vier verbliebenen Citroens von Sordo, Ogier, Solberg und Loeb um die WP-Bestzeiten. Loeb und Sordo teilten sich die WP-Siege am vormittag brüderlich. Solberg schlug am Nachmittag zu und holte sich alle drei WPs. Sordo büßte am Samstag letztendlich 10 Sekunden auf Loeb ein. Ogier, der in Portugal seinen ersten WRC-Sieg einfuhr verspielte seine Siegchancen schon am Freitag und packte am Samstag nochmal 30 Sekunden Rückstand drauf. Nur Solberg konnte, dank perfekter Reifenwahl richtig Boden gut machen und sich direkt in den Windschatten von Sordo saugen. Der zweite Platz war somit in greifbarer Nähe. Die Absage von WP 7 wegen zu großer Zuschauermassen spielte Loeb in die Karten, der vor den letzen vier WPs am Sonntag 40 saftige Sekunden Vorsprung auf seinem Konto liegen hatte.

Am letzten Tag ging es noch einmal eng zu. Solberg holte sich zwei Bestzeiten und machte ordentlich Druck auf den zweitplatzierten Sordo. Der Spanier konnte mit einer Bestzeit auf WP 12 kontern und sich am Ende mit sieben Sekunden Vorsprung vor dem schnellen Norweger behaupten. Auch wenn es “nur” der dritte Platz geworden ist, so lässt sich die Leistung von “Hollywood” gar nicht hoch genug bewerten. Mit einem neuen Beifahrer gleich vom Start weg so gute Zeiten zu fahren ist aller Ehren wert. Der Co-Pilot muss beim Vorlesen des Gebetbuches den richtigen Rhythmus finden und das Timing treffen. Auf der anderen Seite muss der Fahrer Vertrauen aufbauen zu den Ansagen seines Navigators. Dass das in Bulgarien schon ziemlich gut funktioniert hat beweisen die fünf WP-Bestzeiten. Wenn sich das neue Duo richtig eingespielt hat, sollte für Solberg nach fünf Jahren Durststrecke ein Sieg durchaus wieder realistisch sein – auch gegen einen scheinbar übermächtigen Sébastien Loeb. Für den stand am Sonntag nur noch die Verwaltung des Vorsprungs auf der Agenda. Für eine weitere WP-Bestzeit reichte es deshalb nicht mehr, dafür sicherte er sich seinen 58. WRC-Sieg. Ob jemand Loeb in den nächsten drei Rennen schlagen kann, darf stark bezweifelt werden. Rein rechnerisch könnte er schon bei der Deutschland-Rally im August den Sack zumachen, realistischer Jubeltermin ist aber wohl seine Heim-Rally am ersten Oktober-Wochenende.

Ergebnisse

  1. Sébastien Loeb (Citroen)
  2. Daniel Sordo (Citroen) +29.5
  3. Petter Solberg (Citroen) + 36.3
  4. Sébastien Ogier (Citroen) +1:55.0
  5. Mikko Hirvonen (Ford) +3:17.8
  6. Jari-Matti Latvala (Ford) +4:28.5
  7. Per Gunnar Andersson (Ford) +5:25.2
  8. Frigyes Turan (Peugeot) +7:04.0
  9. Matthew Wilson (Ford) +9:28.6
  10. Henning Solberg (Ford) +13:06.0

Gesamtklassement

  1. S. Loeb – 151 Punkte
  2. S. Ogier – 100 Punkte
  3. M. Hirvonen – 86 Punkte
  4. J. Latvala – 80 Punkte
  5. P. Solberg – 78 Punkte
  6. D. Sordo – 67 Punkte
  7. M. Wilson – 40 Punkte
  8. F. Villagra – 26 Punkte
  9. H. Solberg – 25 Punkte
  10. K. Räikkönen – 15 Punkte

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