Rally Dakar 2011: VW schafft den Hattrick
Dennis GerikeSüdamerika stellt sich für Volkswagen als richtig gutes Pflaster heraus. Seit die Dakar-Rally 2009 von der Sahara in die Atacama-Wüste gezogen ist, haben die Wolfsburger die Marathon-Veranstaltung dominiert. Auch in diesem Jahr wieder. Zwar war der Druck von Herausforderer BMW höher denn je, doch nach fast 10.000 Kilometern standen wieder drei Blaue auf dem Podest. Nach Giniel de Villiers 2009 und Carlos Sainz 2010 schafft es diesmal der Katari Nasser Al-Attiyah auf die oberste Stufe des Siegertreppchens.
Etwa die Hälfte der gestarteten Autos war bei Halbzeit noch im Rennen. In Führung lagen Sainz und Al-Attiyah mit unbedeutenden 2:42 min Abstand. Und selbst Stéphane Peterhansel (BMW) hatte mit knapp 15 Minuten Rückstand noch gute Chancen auf den Sieg.
Ein paar der (Mit-)Favoriten verabschiedeten sich schon in der ersten der zwei Dakar-Wochen, oder verspielten zumindest die Chance auf eine gute Platzierung. Robby Gordon blieb mit Lagerschaden auf der Liaison der vierten Etappe liegen. Sein Team-Kollege hatte die Ersatzteile an Bord, übersah den gestrandeten Hummer aber und fuhr am hilfsbedürftigen Team-Leader einfach so vorbei. Auch Plan B schlug fehl. Sein Support-Truck hatte zwar die benötigten Teile, stieß aber erst so spät dazu, dass Robby nicht mehr rechtzeitig die Wertungsprüfung erreichte und in Folge disqualifiziert wurde. Mark Miller (VW) machte sich seine Dakar schon in der zweiten Etappe durch einen Unfall kaputt. Er konnte zwar weiterfahren und die Rally auch beenden, fiel aber deutlich zurück.
Die Dakar hat jedes Jahr Kuriositäten und verrückte Geschichten zu bieten. Dieses Jahr war es Guerlain Chicherit, der für hochgezogene Augenbrauen im Biwak sorgte. Den offiziellen Ruhetag ging der Franzose nicht ganz so ruhig an. Auf einer kurzen Testfahrt, die eigentlich nur dazu diente ein paar Funktionstests durchzuführen, verschrottete er den einzigen Mini im ganzen Starterfeld. Clever geht anders.
Etappe 7 (Arica – Antofagasta)
Nach der eintägigen Verschnaufpause in Arica, im äußersten Norden Chiles geht es wieder zurück in den Süden. Ziel der siebten Etappen ist Antofagasta. Die VW machen diese Etappe unter sich aus: Al-Attiyah vor Sainz vor de Villiers – insgesamt keine drei Minuten voneinander getrennt. Dafür wird das X-raid-Team weiter gebeutelt. Kaum hat man den Verlust des Mini Countryman verdaut, verschrottet prompt auch noch Orlando Terranova seinem BMW X3CC nach mehreren Überschlägen. Stéphane Peterhansel kam ebenfalls nicht ungeschoren davon. Er macht da weiter, wo er vor dem Ruhetag aufgehört hat, nämlich mit mehreren Plattfüßen. Schon nach 15 km ist der erste BF-Goodrich hinüber. Das Ziel erreicht der Franzose nur als Vierter, mit 7:40 min Rückstand. Er kann von Glück reden, dass die Etappe drastisch verkürzt wurde. Wären statt 273 km die ursprünglich angesetzten 631 Wertungskilometer zu fahren gewesen hätte es wohl noch düsterer ausgesehen.
Etappe 8 (Antofagasta – Copiapó)
Langsam beginnt die Heimreise. Der Dakar-Tross lässt den Atlantik hinter sich und fährt wieder hinein ins Zentrum von Chile. Copiapó ist das Ziel, 508 Wertungskilometer stehen auf dem Programm. Auf der bisher schwersten Etappe bleiben viele Fahrzeuge kameradschaftlich beisammen. So auch Sainz und Al-Attiyah. Bis fast ins Ziel fahren beide gemeinsam durch die Dünen. Doch wenige Kilometer vorher kommt Sainz ins Straucheln. Er bleibt zweimal in den Dünen hängen und muss sich freischaufeln. Die Führung ist beim Teufel. Den Platz an der Sonne erbt Nasser Al-Attiyah. Für das Team X-raid hingegen ist spätestens heute der Traum vom Gesamtsieg ausgeträumt. Peterhansel fängt sich weit über eine Stunde Rückstand ein (wieder Reifenschaden, und auch noch Motorenprobleme). Jetzt kann nur noch Platz 3 das Ziel sein. Trotz der angesprochenen Probleme von Sainz liefert VW eine top Teamleistung ab. Alle vier Race Touareg landen auf den ersten vier Plätzen. Und auch im Buggy mit der Nummer 314 kann gefeiert werden. Matthias Kahle und Navigator Thomas Schünemann haben ihren Diesel-Renner als acht-schnellste durch die Wüste dirigiert.
Etappe 9 (Copiapó – Copiapó)
Und weil es so schön ist bleiben die Teilnehmer noch einen weiteren Tag in Copiapó. In einer Schleife rund um die Wüstenstadt werden noch einmal sehr schwierige 235 km zurückgelegt. Sainz und Al-Attiyah liefern sich ein erbittertes Rad-an-Rad Gefecht, dass Team-Chef Kris Nissen schwarz vor Augen geworden sein dürfte. Die Ziellinie überqueren beide mit gerade mal vier Sekunden Abstand. De Villiers und Co-Pilot Dirk von Zitzewitz schauen sich das Spektakel aus der Entfernung an und fahren ihr eigenes Tempo. Am Ende werden sie Dritte vor Stéphane Peterhansel. Der BMW-Pilot hat zur Abwechslung mal keine Reifen- oder Motorenprobleme und fährt unauffällig auf Platz vier ins Ziel. Auch Kahle trumpft wieder mit einem guten Ergebnis auf. Platz 11 in der Etappe festigt seinen zehnten Gesamtrang. Aber van Loon kommt im Racing Lancer immer näher.
Etappe 10 (Copiapó – Chilecito)
Auf der Verbindungsetappe nehmen die Teilnehmer leise Abschied von Chile. Es geht über die Anden zurück nach Argentinien, wo 176 Wertungskilometer auf sie warten. Im BMW-Lager macht sich Nervosität breit. Peterhansel muss auf der Liaison das Getriebe wechseln. Auf der WP sieht dann aber alles wieder gut aus, die Zeiten stimmen. Nur am Ende werfen ihn Navigationsfehler wieder zurück auf Platz 3. Das gibt dem Polen Krzysztof Holowczyc die Chance aufzutrumpfen. Der BMW-Kollege holt sich den zweiten Platz. Sainz hingegen leistet sich einen kleinen Fehler, der große Wirkung hat. Eine kleine, unscheinbare Düne überquert er so ungünstig, dass sein Race Touareg aufsetzt und alle vier Räder mehr oder weniger frei in der Luft baumeln. Seine Befreiungsversuche kosten ihn die ersten zwei Gänge und den elektrischen Wagenheber. Der Sieg scheint zu entgleiten, denn Leader Al-Attiyah kommt 10 Minuten vor El Matador ins Ziel. Gewinnen tut die Etappe aber ein anderer. Der Gesamtsieger von 2009, Giniel de Villiers holt sich den ersten Etappensieg 2011.
Etappe 11 (Chilecito – San Juan)
Für Sainz ist der Zug abgefahren, der Kuchen gegessen, der Drops gelutscht. Auf der leicht verkürzten Etappe lässt sich der Spanier in einen Fehler locken. Im Staub von Nasser Al-Attiyah übersieht er ein Loch und reißt sich das rechte Vorderrad ab. Zwar eilt Mark Miller zu Hilfe. Doch die Reparaturen kosten über eine Stunde. El Matador findet sich zwei Tage vor Ende der Dakar plötzlich auf dem dritten Platz wieder – Nasser Al-Attiyah weit in Führung und auch Giniel de Villiers auf Platz zwei ist nicht mehr einholbar. Und von hinten lauert Peterhansel auf seine Chance.
Um den letzten Platz in den Top 10 wird noch hart gekämpft. Matthias Kahle verliert fünf Minuten auf van Loon. Dem Holländer bleiben noch zwei Tage bzw. 736 Wertungskilometer um den Rückstand von fünfzehn Minuten aufzuholen.
Etappe 12 (San Juan – Cordoba)
Das Ziel fast vor Augen, wurde es am vorletzten Tag nochmal richtig dreckig. Die Etappe von San Juan nach Cordoba war die reinste Schlammschlacht. In der Nacht zuvor hatte es stark geregnet. Die Motorad- und Quad-Fahrer sahen nach ein paar Kilometern aus, wie frisch aus der Friteuse gezogen.
Für Peterhansel geht die Pleiten-Rally weiter. Das übliche: Reifenschäden und ein überhitzter Motor kosten wieder viel Zeit. Sainz hatte nichts mehr zu verlieren und gab Vollgas. Er holt sich seinen insgesamt 24. Dakar-Etappensieg. Er kann zwar sechs Minuten Vorsprung auf seinen arabischen Team-Kollegen herausfahren, aber das ist einen Tag vor Ende der Rally nur ein Tropfen auf den heißen Stein Wüstensand.
Matthias Kahle kann sich van Loon vom Hals halten. Zwar trennen beide im Ziel nur sechs Sekunden, aber jetzt spielt die Zeit für den Deutschen. Es gilt, in der letzten Etappe die 15 Minuten Vorsprung zu verwalten und keine Fehler zu machen.
Etappe 13 (Cordoba – Buenos Aires)
Die letzten 181 km der diesjährigen Dakar bringen keine großen Überraschungen oder Wendungen mehr. Peterhansel hat keine Chance mehr, Sainz von Platz 3 zu verdrängen. Giniel de Villiers sichert sich den zweiten Platz und Nasser Al-Attiyah holt, wie erwartet den Gesamtsieg.
Guilherme Spinelli (Mitsubishi), der bei Halbzeit noch bester Nicht-VW/BMW-Pilot war, muss sich am Ende dem Nissan von Christian Lavieille geschlagen geben. Platz 8 und 9 sind das beste, was gegen die Übermacht von VW und BMW machbar war.
Matthias Kahle schafft es tatsächlich, sich vor Erik van Loon zu behaupten. Er komplettiert damit die Top 10.
Von den sieben gestarteten McRae-Buggys kommen drei ins Ziel. Tim Coronel auf P36, Emiliano Spataro auf P37 und Silva Juan Manuel Pato auf P45.
Das Schlusswort einer wieder mal grandiosen Dakar-Rally überlasse ich Privatfahrer Kemal Merkit. Für ihn ist die Dakar “…kein Rennen. Es ist ein echtes Abenteuer – mit dir selbst. Es ist ein Rennen mit dir selbst, psychisch und physisch. Deshalb bin ich hier.” (das Video dazu)
Gesamtergebnis
- Nasser Al-Attiyah – Timo Gottschalk (VW)
- Giniel de Villiers – Dirk von Zitzewitz (VW) +49:41
- Carlos Sainz – Lucas Cruz (VW) +01:20:38
- Stéphane Peterhansel – Jean-Paul Cottret (BMW) +01:43:48
- Krzysztof Holowczyc – Jean-Marc Fortin (BMW) + 04:11:21
- Mark Miller – Ralph Pitchford (VW) +04:54:42
- Ricardo Leal Dos Santos – Paulo Fiuza (BMW) +06:50:07
- Christian Lavieille – Jean-Michel Polato (Nissan) +07:57:18
- Guilherme Spinelli – Youssef Haddad (Mitsubishi) +08:23:37
- Matthias Kahle – Thomas Schünemann (SMG) +15:11:56
Links
- Offizielle Rallye Dakar Website
- Offizielles Endergebnis
- Große Bilder-Galerie
- VW Motorsport Website
- Technische Daten des VW Race Touareg III
- BMW X-raid Website
- Videozusammenfassung aller Etappen
- Wie es zu Guerlain Chicherits Crash mit dem Mini Countryman kam




