WRC Rally Mexiko 2011: Keine Fiesta für die Fiestas

Dennis Gerike
Loeb gewinnt in Mexiko. Wer sonst?

Loeb gewinnt in Mexiko. Wer sonst?

Von einem Extrem ins andere. Während bei der Schweden-Rally drei Wochen zuvor noch eisige -24° herrschten, wurden die Teilnehmer beim WRC-Lauf in Mexiko mit angenehm sommerlichen 26° begrüßt. Austragungsort der Veranstaltung war Léon de Los Aldama, eine Kleinstadt im Herzen Mexikos. Nach Schnee und Eis gab’s wieder den Lieblingsbelag unter die Räder, nämlich Schotter. Nur mit einer Besonderheit. Die Wertungsprüfungen führten zum großen Teil durch die Gebirgsregionen von Guanajuato. Der höchste zu passierende Punkt lag dabei 2700 Meter über dem Meeresspiegel. Das ging an den  Motoren nicht spurlos vorbei. Aufgrund der dünnen Luft und dem damit verbundenen Sauerstoffmangel verloren die Aggregate bis zu 20% Leistung. Von den sonst normalerweise 300 PS blieben also nur noch rund 240 Pferdchen übrig.

Etappe 1 (3./4. März)

Die erste Wertungsprüfung am Donnerstagabend stellt die Reihenfolge aus Schweden komplett auf den Kopf. Statt dreimal Ford führen in Mexiko plötzlich (aber nicht wirklich unerwartet) drei Citroen die Wertung an. Ein Fiesta kommt gar nicht erst vom Start weg. Ken Block muss wegen Elektronikdefekts die Zuschauerprüfung auslassen und handelt sich damit schon bevor es richtig losgeht 10 Minuten Rückstand ein. Dass die Techniker die Gremlins trotz Schrauberei bis tief in die Nacht nicht finden konnten war für die restlichen acht Fiesta-Piloten sicher nicht gerade beruhigend. Aber Kinderkrankheiten lassen sich bei einem komplett neuen Rennfahrzeug nicht vermeiden. Auch andere Fahrer traf es später mit diversen technischen Gebrechen, wie z.B. Bremsdefekten oder ausgefallener Servolenkung.

Bei der DS3-Flotte läuft hingegen alles nach Plan. Sébastien Loeb und Sébastien Ogier starten mit der zweit- und drittbesten Zeit in den Tag. Und Petter Solberg holt sich die Bestzeit auf der von den Fans förmlich überschwemmten Guanajuato Street Stage. Das Ziel des Norwegers ist klar. Der Sieg muss dieses Jahr her. 2010 hatte er sich mit Platz zwei begnügen müssen, weil er sich im Interesse des Sports nicht auf Taktikspielchen einließ und die Rally flatout zu Ende fuhr. Im Vorfeld der 2011er Ausgabe betonte er, dass er sich dieses Jahr anders entscheiden würde, sollte die gleiche Situation erneut eintreten.

Als Führender der Gesamtwertung hat Mikko Hirvonen am Freitagvormittag die zweifelhafte Ehre als erstes auf die Bahn gehen zu dürfen. Als Straßenfeger verliert er erwartungsgemäß etwas an Zeit, kann sich aber auf Position 4 behaupten. Wobei er auch vom Pech des Team-Kollegen Jari-Matti Latvala profitiert. Seine Michelin-Reifen waren entweder mit dem mexikanischen Schotter oder dem Fahrstil des Finnen überfordert. Ein Plattfuß wirft ihn jedenfalls weit zurück. Mads Østberg, dem Überraschungs-Zweiten aus Schweden ereilt dasselbe Schicksal.

Petter Solberg hat nur kurz Freude an seiner Führung. Er bleibt zwar noch halbwegs in Schlagdistanz, nach WP5 haben sich aber schon 18,4 Sekunden Rückstand auf Loeb angesammelt. Inzwischen dauert sein “Fluch” schon mehr als fünf Jahre an. Seit 76 Rallys versucht der Weltmeister von 2003 wieder einen WRC-Lauf zu gewinnen – leider scheitert auch Versuch numero 77. Schon auf der sechsten WP schlägt das Schicksal zu. Waidwund und mit sieben Minuten Rückstand kommt er ins Ziel gehumpelt. Ein Kabelbruch führte zu massivem Motor-Schluckauf. Petter fällt auf Platz 14 zurück.

Die beiden Sébastiens liegen am Ende der ersten Etappe mit komfortablem Vorsprung auf Platz 1 und 2. Danach folgt ein Rudel von acht(!) Ford Fiestas, das von Hirvonen angeführt wird. Der liegt aber schon weit über eine Minute hinter Loeb zurück. Noch einmal denselben Rückstand hat Teamkollege Latvala. Der Russe Novikov, der nach einem Jahr Pause wieder am WRC-Zirkus teilnimmt liegt auf einem sehr guten fünften Platz, knapp vor Henning Solberg. Matthew Wilson musste in WP7 wegen technischer Probleme vorzeitig die Segel streichen.

Etappe 2 (5. März)

Nicht nur die Motoren sind gefordert. Auch Federn und Stoßdämpfer müssen in Mexiko Schwerstarbeit leisten. Wie schon am Vortag sind die Strecken mit Kuppen und Sprüngen nur so gespickt. Fast erinnert das Event an die Finnland-Rally. Wenig verwunderlich, dass der Kommentar: “If there is any chance, I go flatout and let the car fly.” dann auch vom Finnen Hirvonen kommt. Die Sprünge nimmt er tatsächlich, in bester Colin McRae-Manier kompromiss- und furchtlos. Die Zahlen auf dem Zeitenmonitor sehen hingegen weitaus weniger spektakulär aus. Statt einer Aufholjagd verliert Hirvonen weiter Boden auf die beiden Citroens, die sich vorne nach Kräften beharken und dem Feld davonziehen. Latvala fängt sich derweil erneut einen Platten ein und der siebtplatzierte Dennis Kuipers legt seinen Fiesta nach einer Rolle im Straßengraben ab.

Da sich das Feld in Mexiko sehr schnell, sehr weit auseinander gezogen hat, konnte Petter nach seinem Pech vom Vortag schnell wieder Anschluss ans vordere Mittelfeld finden und ist zum Mittagsservice schon wieder auf P5. Loeb hatte sich inzwischen ein ganz gutes Polster auf Ogier herausgefahren, als beim Start von WP14 plötzlich Hektik am Wagen des Franzosen ausbricht. Im ersten Moment war man geneigt, an Taktikspielchen zu denken, um Ogier für den Sonntag in eine schlechtere Position zu zwingen. Aber es handelte sich tatsächlich um einen echten Defekt. Fünf Minuten brauchten Loeb und Co Elena um die Notreparaturen durchzuführen. Für diese Verspätung sieht der FIA-Sanktionskatalog 50 Strafsekunden vor. Damit übernimmt wieder Ogier die Führung.

Nach der Elektrik am Freitag, plagen Petter Solberg am Samstag “Verarbeitungsprobleme”. Dem Norweger geht mitten in der 17. Prüfung der Schaltknauf verlustig. Nur noch das nackte Gestänge bleibt übrig. Schalten ist zwar weiterhin möglich. Der unerwartete Schaden lenkt ihn aber so sehr ab, dass er sich zu einem Dreher verleiten lässt. Er geht einen der vielen Sprünge sowohl im falschen Gang als auch im falschem Winkel an. Die sofort eingeleiteten Korrekturmaßnahmen am Lenkrad machen die Sache nur noch schlimmer. Der unvermeidliche Gegenpendler zwingt das Fahrzeug in einer Dreher. Aber, Glück im Unglück, Petter schlägt nirgends ein und kann nach der Pirouette weiterfahren. Henning Solberg kämpft ebenfalls mit der Technik. Die meiste Zeit muss er ohne Servolenkung auskommen. Zu allem Überfluss reißt irgendwann auch noch die Bremsleitung, d.h. sowohl Lenkung als auch Bremsen sind stark beeinträchtigt. Aber Henning hat den Kampfgeist seines Bruders. Er beißt die Zähne zusammen und bringt seinen Fiesta irgendwie noch ins Ziel.

Für Novikov ist die Rally nach einem Kühlwasserleck (nach Kollision) gelaufen. Von den neun WRC-Fiestas sind nach zwei Etappen nur noch vier ernsthaft beteiligt. Die anderen sind unter SupeRally-Reglement unterwegs und haben schon mindestens 43 Minuten Rückstand. Darunter auch Ken Block, der innerhalb von drei Tagen sage und schreibe drei mal ausscheidet.

Etappe 3 (6. März)

Die geringe Starterzahl (nur 24 Teams waren für Mexiko gemeldet) hatte auch ihr Gutes. So kamen auch mal die Piloten der kleineren Klassen in den Genuss von WM-Punkten. Unter ihnen findet sich ein bekannter Name. Nasser Al-Attiyah hatte im Januar schon die berühmte Dakar-Rally gewonnen und möchte sich dieses Jahr auch noch die Krone in der S-WRC holen. In Mexiko führte er die Super-2000-Wertung seit dem ersten Kilometer souverän an und konnte am Ende sogar den Sieg feiern. Lange Freude hatte er an seinem Pokal aber nicht. Der wurde ihm nämlich später wegen nicht homologierter Teile am Fahrzeug wieder abgenommen. Der Katari wurde disqualifiziert, der Sieg wurde am Ende Martin Prokop zugesprochen.

Zurück in der WRC-Klasse schauen alle Augen gebannt auf das Duell der beiden Sébastiens. Mit gerade mal 10 Sekunden Vorsprung geht Ogier in die letzte Etappe. Um die Loeb’sche Gefahr wissend gibt er von Anfang an Vollgas – und übertreibt es prompt schon auf der ersten WP. In einer Kurve kommt er ein µ zu weit vom Weg ab, rasselt mit dem halben Wagen durchs Unterholz und knickt sich dabei das vordere linke Rad ab. Für den einen Franzosen ist die Rally damit gelaufen, für den anderen im gewissen Sinne auch. Denn mit 1:38 Minuten Vorsprung braucht Loeb den Sieg nur noch gemütlich nach Hause schaukeln. Glücklich war er über den geschenkten Sieg nicht. Im Ziel lässt er ein bisschen Schuldgefühle durchblicken, weil er so hart gepusht hat. Aber auch in Richtung Team lässt er (zum wiederholten Male an diesem Wochenende) leise Kritik ab, nämlich dass zwei Top-Fahrer im selben Team vielleicht doch keine so ideale Kombination sind.

Petter Solberg ist nach zwei Rally-Tagen in der Position, dass er das Rennen vollkommen taktisch angehen kann (bzw. sogar muss). Durch Ogiers Ausfall ist er zwar unverhofft wieder auf Platz 4 nach vorne gespült worden. Aus eigener Kraft geht’s aber nicht weiter nach vorne und nach hinten ist auch meilenweit kein Konkurrent zu sehen. Der Norweger setzt daher alle Hoffnungen auf die Power Stage. Um die Reifen für diese besondere Wertungsprüfung zu schonen geht er die zwei davor stattfindenden WPs ganz langsam an und nimmt aus Gewichtsgründen auch nur ein Ersatzrad mit. So ganz geht der Plan aber nicht auf. Hirvonen, der 2010 einen großen Durchhänger hatte, hat inzwischen sein Selbstvertrauen wiedergefunden und fegt durch WP22 als gäb’s kein morgen mehr. Der Finne holt sich die Bestzeit und damit drei zusätzliche WM-Punkte. Loebs Risiko-Bereitschaft liegt da deutlich niedriger. Er absolviert die 8,28 Kilometer 2,1 Sekunden langsamer und sichert sich damit zwei Bonuspunkte. Ganz knapp dahinter läuft Solberg ins Ziel ein. Er ist nur wenige Tausendstel langsamer als Loeb und muss sich daher mit nur einem Zusatzpunkt begnügen. Insgesamt beendet er die Mexiko-Rally als Vierter und bleibt in der Gesamtwertung Fünfter. Loeb gewinnt erwartungsgemäß und schiebt sich in der WM auf Platz 2.

Dafür, dass die Fiestas so viele Probleme hatten und gegen die DS3 von Citroen auch nicht wirklich konkurrenzfähig waren, sind die Ford-Mannen noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Mit Platz zwei und drei können sie ihre Führung in der Markenwertung weiter ausbauen. Und auch bei den Fahrern kann sich Hirvonen auf P1 behaupten, büßt aber 6 Punkte auf Loeb ein.

Ergebnisse

  1. Sébastien Loeb (Citroen)
  2. Mikko Hirvonen (Ford) +1:38.4
  3. Jari-Matti Latvala (Ford) +2:23.9
  4. Petter Solberg (Citroen) +7:38.4
  5. Mads Østberg (Ford) +8:43.5
  6. Henning Solberg (Ford) +11:10.0
  7. Martin Prokop (Ford) +13:35.0
  8. Juho Hänninen (Skoda) +14:48.7
  9. Federico Villagra (Ford) +48:17.2
  10. Ott Tanak (Ford) +53:42.8

WM-Stand

  1. Hirvonen (46 Punkte)
  2. Loeb (37)
  3. Latvala (31)
  4. Østberg (28)
  5. P. Solberg (23)
  6. Ogier (15)
  7. H. Solberg (8)
  8. Andersson (6)
  9. Prokop (6)
  10. Räikkönen (4)

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