WRC Rally Jordanien 2011: From Dust till Dawn

Dennis Gerike
From Dust till Dawn

From Dust till Dawn

Der vierte WRC-Lauf der Saison fand 400 m unter dem Meeresspiegel statt – von Tiefpunkt konnte deshalb aber keine Rede sein. Trotz (oder vielleicht auch wegen) der großen Probleme im Vorfeld entwickelte sich die Jordanien-Rally zum bisher spannendsten WRC-Event des Jahres. Nicht zuletzt deshalb, weil es auch mit dem knappsten Ergebnis aller Zeiten endete.

Der ursprüngliche Plan sah vor, das ganze Equipment von Portugal direkt nach Syrien zu verschiffen. Und von da aus auf dem Landweg nach Jordanien zu transportieren. Aufgrund der schwierigen politischen Lage in Syrien und den damit verbundenen moralischen Bedenken entschlossen sich die Verantwortlichen kurzfristig eine alternative Transportroute zu finden. Andernfalls hätte die Rally abgesagt werden müssen.

Die Route, die am Ende ausgeknobelt wurde, führt auf dem Landweg von Portugal nach Italien und dort von Triest per Schiff gen Süden nach Haifa in Israel. Von da ist es nur noch ein Katzensprung bis Amman, dem Rally-”Basislager” in Jordanien. So ganz ging der in aller Schnelle zusammengestrickte Plan aber nicht auf. Wegen eines Motorschadens kam das Schiff erst mit zwei Tagen Verspätung in Israel an. Zu allem Überfluss konnte es dann wegen eines schweren Sturms dann nicht anlegen. Der Zeitplan war damit endgültig beim Teufel.

Etappe 1 (14. April)

Zeit für Plan B. Die erste Etappe muss aus Zeitnot gestrichen werden. Stattdessen gibt’s am Mittwoch nur die Recce (Streckenbesichtigung). Und diese auch nur auf geliehenen Straßenwagen, da die Trainingsautos inkl. aller Ausrüstung noch auf dem Schiff sind.

Die 31 Teilnehmer gehen mit der Situation unterschiedlich um. Die Ford-Piloten nutzen die unverhofft gewonnene Freizeit um ein bisschen Sightseeing zu machen. Sie besuchen unter anderem die Felsenstadt Petra – eines der Neuen 7 Weltwunder.

In der Nacht zum Donnerstag kommen die Trucks nach ihrer fast dreiwöchigen Reise dann doch endlich in Amman an. Jetzt geht der Stress aber erst richtig los. Der Servicepark muss aufgebaut werden. Das dauert normalerweise drei Tage. Jetzt muss das alles in einer Nacht über die Bühne gehen. Teamwork ist also gefragt und jeder Handgriff muss sitzen. Parallel dazu müssen auch noch die Wettbewerbs-Fahrzeuge für die technische Abnahme vorbereitet werden. Die Autos wurden zwar schon vor Tagen eingeflogen, ohne Ausrüstung und Werkzeug dreht sich an ihnen aber kein Rad.

Der geplante Start um 7:00 Uhr morgens ist unrealistisch. Das haben die Verantwortlichen schon am Mittwoch einsehen müssen. Die erste Etappe wird also konsequenterweise gestrichen, dafür müssen die Fahrer aber nicht auf den Shakedown verzichten, können also bevor es ernst wird noch einmal ein bisschen testen. Da zeigt sich dann auch, dass die Strecke einen komplett anderen Charakter hat, als alle anderen Rallys zuvor. Auf den jordanischen Wertungsprüfungen ist viel Konzentration gefragt. Nicht nur ist es heiß in der Wüste, es sieht auch alles gleich aus. Fahrbahn und Umgebung verschmelzen förmlich zu einem beigen Meer aus Sand und Stein. Vertrauen in das Gebetbuch und den Beifahrer sind daher noch wichtiger als sonst.

Etappe 2 (15. April)

Freitagmorgen. Der Servicepark ist aufgebaut. Die Fahrer und Autos sind bereit. Alle Formalitäten sind erledigt. Die Sonne scheint. Es kann endlich losgehen!

Entsprechend des WM-Stands geht Citroen-Pilot Sébastien Loeb als Zweites auf die Bahn und brennt gleich mal ein Feuerwerk ab, dass den Ford-Jungs förmlich die Kinnlade runterfällt. Üblicherweise geht der mehrfache Champion die Rallys recht verhalten an, sammelt erst Vertrauen in Auto und Strecke und gibt dann später richtig Zunder. Die Verkürzung der Rally hat ihn wohl dazu bewogen seine Standardtaktik zu ändern. Auch Team-Kollege Ogier kommt nicht ganz an die Zeit seines Landsmanns heran, obwohl er von der besseren Position vier hätte profitieren müssen. Erst auf der zweiten Wertungsprüfung kann er sich die Zeit zurückholen. Von da an geht’s aufwärts für den jungen Franzosen. Auf WP9 (Jordan River) knöpft er Loeb über sieben Sekunden ab und kann sich somit auch vom gesamten Feld leicht absetzen. Loeb, Jari-Matti Latvala und Petter Solberg bleiben als einzige in Schlagdistanz und wechseln den ganzen Tag über munter die Positionen. Der WM-Führende Mikko Hirvonen hingegen ist raus aus dem Kampf um den Sieg. Ihn kostet das Straße fegen und ein Problem mit der Servolenkung zu viel Zeit. Er ist am Ende der ersten Etappe Fünfter mit zweieinhalb Minuten Rückstand. Für den Finnen kann es jetzt nur noch um Schadensbegrenzung gehen. Mit sehr viel Glück kann er eventuell noch den letzten Podiumsplatz abstauben, wenn die Jungs vor ihm Unsinn machen.

Loeb bleibt weiterhin unberechenbar. Er fängt die (erwarteten) Taktikspielchen (unerwarteter weise) schon sehr früh an. Er bleibt mitten auf der letzten Prüfung einfach stehen und fährt nach einer kurzen Pause weiter. Sein Ziel ist es, die Gegner zu verunsichern (“Hat der Franzose ein Problem oder gehört das zur Strategie?”). Der Bluff geht aber nicht auf. Latvala fällt nicht drauf rein und lässt sich hinter Loeb fallen, ebenso Petter Solberg. Nur einer hat genug Mumm in den Knochen weiter Vollgas zu geben. Sein Sieg in Portugal gibt Ogier das nötige Selbstvertrauen das rechte Pedal voll durchzutreten. Er beendet den Tag mit über 30 Sekunden Vorsprung vor Loeb. Ob das reicht, um seinen insgesamt vierten WRC-Sieg sicherzustellen bleibt aber abzuwarten.

Sowohl Petter Solberg, als auch Kimi Räikkönen und auch Jari-Matti Latvala loten derweil unfreiwillig die physikalischen Grenzen aus. Alle drei haben jeweils beinahe-Abflüge und sind nur mit viel Glück noch in der Rally. Für Henning Solberg reichte das Glück dann nicht mehr. Er trifft einen Stein und beschädigt damit die Ölwanne seines Fiesta-Motors. Er muss vorerst aufgeben, darf am Samstag aber unter SupeRally-Reglement wieder starten. Østberg hat nach der zehnten WP ebenfalls schon Feierabend. Er bleibt mit exakt demselben Getriebeschaden liegen, der schon in Portugal seinen Fiesta zur Strecke gebracht hatte.

Etappe 3 (16. April)

Am Samstag stehen die letzten acht Wertungsprüfungen (mit insgesamt 115 Wertungskilometer) an. Vier Sieganwärter gibt es noch. Ogier hat zwar 31.6 Sekunden Vorsprung, wird beim Straße kehren aber viel Zeit verlieren. Um die Rally zu gewinnen dürfen das nach Adam Riese maximal vier Sekunden pro WP sein. Loeb startet von der wahrscheinlich schlechtesten Position. Er wird als Zweiter auf der Bahn ebenfalls noch relativ viel Sand und Schotter beiseite fahren müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass er so gut wie keinen Vorsprung auf seine direkten Verfolger Latvala und Solberg hat. Die sind in der vermeintlich besten Ausgangsposition für den Sieg, da sie eine deutlich sauberere und griffigere Strecke vorfinden werden und selbst keine Verfolger im Nacken haben.

Soweit die Theorie.

Loeb kann das Tempo, wie erwartet nicht mitgehen und fällt auf der 15ten WP hinter Latvala zurück. Solberg hingegen gehen die Pferde durch. Ihm passiert ein ähnliches Missgeschick, wie schon in Mexiko. Er fährt auf WP17 einen der Sprünge falsch an, fliegt mit starker Schlagseite drüber und landet quer zur Fahrbahn. Zu einem Überschlag kommt es glücklicherweise nicht, dafür dreht sich der Norweger und rutscht ins Abseits, mitten in einen felsigen Abhang, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Damit waren’s nur noch drei.

Petter Solberg gerät auf die schiefe Bahn

Petter Solberg gerät auf die schiefe Bahn

Latvala hat unterdessen richtig Blut geleckt. Er dreht in WP17, 18 und 19 richtig auf. Vor der allerletzen WP schafft er es an Ogier vorbeizugehen – aus 33,1 Sekunden Rückstand macht er 0,5 Sekunden Vorsprung. Die 20. WP, die Power Stage wird also die Entscheidung bringen. Gestartet wird jetzt umgekehrt zum Ergebnis des Vortages, von den Top-Fahrern also zuerst Hirvonen, dann Latvala, dann Loeb und als letztes Ogier. Hirvonen hat nichts zu verlieren und legt eine saubere Bestzeit vor. Team-Kollege Latvala hingegen fährt ultra-aggressiv. Sein Fiesta bockt und bäumt sich auf der leicht welligen Piste auf, wie ein Wildpferd. Er muss sich deshalb Hirvonen knapp geschlagen geben. Loeb sortiert sich zwischen den beiden Finnen ein. Das ist für Latvala aber egal, denn der Franzose ist insgesamt schon zu weit zurück (knapp 30 Sekunden). Der einzig verbliebene Gegner ist Ogier, und der hat jetzt eine deutlich sauberere Strecke vor sich.

Um sich den Sieg zu holen muss der Citroen-Pilot auf der 10,5 km langen “Baptism Site”-Prüfung 0.6 Sekunden schneller fahren als der Gegner aus dem Ford-Lager. Ein dramatisches Finale bahnt sich an. In den ersten beiden Zwischenzeiten ist Ogier einen Hauch schneller als Hirvonen. Er lässt sich aber, wie Latvala gegen Ende zu einer zu aggressiven Linie verleiten. Der Franzose verliert Zeit. Als er über den Zielstrich fährt, zeigt die Uhr eine Zeitdifferenz von genau 0.0 Sekunden an. Bei der genauen Auswertung stellt sich heraus, dass er Hirvonen um gerade mal ein paar hundertstel Sekunden schlägt. Die drei Bonuspunkte hat Ogier damit schon mal sicher. Viel wichtiger ist aber das Duell mit Latvala um den Gesamtsieg. Aber auch hier spricht Fortuna französisch. Sieben Zehntel ist Ogier schneller, als der Finne. In Summe gewinnt er die Rally also mit einem hauchdünnen Vorsprung von gerade mal zwei Zehntelsekunden. So eng ist noch kein WRC-Lauf ausgegangen.

An der Spitze wird es jetzt richtig kuschelig. Loeb übernimmt die Führung. Hirvonen, Ogier und Latvala folgen aber auf dem Fuße und sind nur maximal acht Punkte entfernt. Wenn man bedenkt, dass es für den ersten Platz 25 Punkte gibt, ist die WM noch absolut offen. Wenn es Ford noch schafft ein bisschen Performance aus den Fiestas herauszukitzeln, dann haben sie sogar die Chance, die Meisterschaft auch bis zum Ende der Saison noch offen zu halten.

Ergebnisse

  1. Sébastien Ogier (Citroen)
  2. Jari-Matti Latvala (Ford) +0.2
  3. Sébastien Loeb (Citroen) +27.7
  4. Mikko Hirvonen (Ford) +2:44.7
  5. Matthew Wilson (Ford) +5:44.9
  6. Kimi Räikkönen (Citroen) +6:14.9
  7. Federico Villagra (Ford) +9:18.7
  8. Khalid Al Qassimi (Ford) +9:43.7
  9. Dennis Kuipers (Ford) +14:27.5
  10. Bernardo Sousa (Ford) +15:05.5

WM-Stand

  1. Loeb (74 Punkte)
  2. Hirvonen (72)
  3. Ogier (69)
  4. Latvala (66)
  5. P. Solberg (31)
  6. Østberg (28)
  7. Wilson (22)
  8. Räikkönen (18)
  9. Villagra (12)
  10. H. Solberg (10)

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