WRC Rally Portugal 2011: Eat my dust!
Dennis GerikeRing frei für Runde 3. Nach eisigen Minusgraden in Schweden und dünner Luft in Mexiko kehrt wieder ein wenig Normalität in die Welt der World Rally Cars ein. Das Starterfeld ist in Portugal mit 73 Teilnehmern wieder gut gefüllt, die Favoriten bleiben aber die selben. Nach der überzeugenden Vorstellung in Mexiko muss man den Citroen eben jene Favoritenrolle zuweisen. Allen voran natürlich dem Rekord-Champion Sébastien Loeb. Aber auch Team-Kollege Sébastien Ogier ist nicht zu unterschätzen. Der zweite Franzose holte sich hier im letzten Jahr seinen ersten WRC-Sieg. Zu gewinnen wird aber für keinen einfach, auch nicht für Ford, die sich ebenfalls Siegchancen ausmalen. Portugal hat schon viele spektakuläre Un- und Ausfälle gesehen. Einen der heftigsten erlebte 2009 Jari-Matti Latvala. Der Finne kugelte sich damals in unzähligen Überschlägen einen Abhang hinab und zerstörte dabei seinen Ford Focus WRC vollständig. Sein Kommentar, nachdem er die Unfallstelle diesmal ohne Probleme passierte: “I was far too fast two years ago for that place.”
Etappe 1 (24./25. März)
Trotzdem gab es noch jemanden, der meinte, den Crash des Finnen überbieten zu müssen. Mit 43 Jahren könnte man annehmen, dass die Menschen vorsichtiger werden. Ken Block scheinbar nicht. Schon im Shakedown am Mittwoch katapultiert der US-Amerikaner seinen Fiesta WRC in einem mehrfachem Salto durch die Luft – mit anschließender Landung in der Botanik. Block und Co-Pilot Gelsomino ist nichts passiert. Was man vom Auto nicht behaupten konnte. Der Schaden war zu groß und die Rally für die beiden damit schon zu Ende bevor sie richtig begonnen hat.
Die beiden Werksteams von Citroen und Ford bieten hingegen von Anfang an Motorsport vom Allerfeinsten. Ogier, Loeb, Latvala und Hirvonen liegen den ganzen Tag dicht beieinander und beharken sich nach Kräften. Nach der ersten Etappe (132 Wertungskilometer) sind die fantastischen Vier durch nur 17 Sekunden getrennt. Wobei leider auch wieder etwas Taktik im Spiel war. Um dem bekannten Straßenfeger-Problem aus dem Weg zu gehen, ließen sich Loeb und Ogier auf Platz 3 bzw. 4 zurückfallen. Die beiden Finnen im Ford-Team hingegen gaben Vollgas und fuhren damit einen kleinen Vorsprung heraus. Ford konnte das Citroen-Team mit dieser Taktik etwas überraschen, aber nicht wirklich aus der Ruhe bringen.
Der in Schweden so beeindruckend gefahrene Mads Østberg legte in Portugal keinen so glücklichen Start hin. Auf WP1, einer kurzen Zuschauerprüfung in der Hauptstadt Lissabon rammt er seinen Ford schon nach ein paar Kurven in die Streckenbegrenzung und verliert dabei ein Rad, das dummerweise auch noch in die Zuschauer fliegt. Glücklicherweise wird dabei niemand ernsthaft verletzt. Østberg meint später selbstkritisch zu seinem Fehler: “Almost impossible to be that stupid.” Etwa zwei Minuten Zeitverlust kostet ihn die Fahrt mit dem Ford-Dreirad. Nach Unvermögen kommt auch noch Pech hinzu. Auf der zweiten Wertungsprüfung gibt das Getriebe den Geist auf. Bis zum Neustart am Samstag sammeln sich so 30 Strafminuten an.
Und dann war da noch Petter Solberg. Der kann sein Pech einfach nicht abstreifen. Er fängt sich über den Tag hinweg unglaubliche vier Reifenschäden ein. Aus Angst, wegen einem weiteren Platten eventuell aus der Wertung genommen oder von der Polizei aus dem Verkehr gezogen zu werden gibt er kurz vor dem Ziel auf und tritt am folgendem Tag nach SupeRally-Reglement wieder an – mit 10 Strafminuten auf dem Zeitkonto.
Seit dem Ausstieg von Subaru und Suzuki im Jahr 2008 ist die WRC nur noch eine Zwei-Marken-Show. Ford und Citroen haben die Meisterschaft in dieser Zeit am Leben gehalten und die Titel unter sich ausgemacht. In Portugal gab es nun endlich ein erstes Lebenszeichen von einem neuen Mitspieler. BMW ließ zwei MINI Countryman in S2000-Spezifikation von der Leine, gefahren von den beiden Einheimischen Armindo Araujo und Daniel Oliveira. Platz sieben für Araujo nach dem ersten Tag klingt schon mal vielversprechend, zumal die spätere WRC-Version noch mal ein gutes Stückchen konkurrenzfähiger sein sollte als die S2000-Variante. Das Prodrive-Team plant das Debüt für die Italien-Rally im Mai. Dann wird aus dem Duell an der Spitze hoffentlich ein Dreikampf. Mit Dani Sordo und Kris Meeke sind die Briten dann auf jeden Fall auch fahrerisch gut aufgestellt.
Etappe 2 (26. März)
Ogier ist inzwischen zu einer echten Gefahr für Loeb geworden: er sitzt im gleichen Auto, hat das gleiche Material und inzwischen auch die gleiche Pace. Zudem holte er sich hier in Portugal letztes Jahr seinen ersten Sieg. Der Franzose ist also hochmotiviert dieses Kunststück heuer zu wiederholen. Die Taktikspielchen kann er inzwischen ebenso gut, wie sein Landsmann. Dieses Mal sogar einen Tick besser. Ogier konnte sich am Freitag so positionieren, dass er die zweite Etappe hinter Loeb, vom besseren vierten Platz in Angriff nehmen kann.
Für Latvala und Hirvonen ist erwartungsgemäß “Road Cleaning” angesagt. Latvalas 16,7 Sekunden Vorsprung ist nach drei WPs aufgebraucht. In WP10 geht Ogier am Finnen vorbei. Hirvonen wird hingegen schon auf WP8 von den beiden Franzosen geschluckt. Eine Wertungsprüfung später fängt er sich einen Reifenschaden ein und muss deshalb anhalten und den Reifen wechseln. Der Finne ist flott mit dem Akkuschrauber und der Reifen in rund 90 Sekunden gewechselt. So schafft er es knapp vor Loeb wieder auf die Strecke zu kommen (die Fahrzeuge werden jeweils im 2-Minuten-Takt losgelassen). Dass “knapp” in Zahlen “8 Sekunden” bedeutet, davon wusste Hirvonen beim Losfahren nichts. Die Konsequenz: Loeb fuhr direkt in dessen Staubwolke hinein und war gezwungen Abstand halten um bei der schlechten Sicht nicht noch einen Unfall zu bauen. Nachdem Loeb durch dieses “Ausbremsmanöver” 30 Sekunden verlor wurde er im Ziel richtig wütend. Zuerst fuhr er dem vor ihm parkenden Hirvonen ins Heck, dann ließ er seinem Frust verbal über die Kameras freien Lauf. (Solche) Emotionen sieht man von Loeb extrem selten, zeigt aber, dass er nach sieben WM-Titeln immer noch heiß ist auf jeden einzelnen Sieg.
Ford muss seine Siegambitionen auf der letzten Prüfung des Tages begraben. Zunächst bricht Latvala eine Antriebswelle, später fängt er sich noch einen Reifenschaden ein, sodass er nur noch ins Ziel humpeln kann. Auf der Strecke wird er dann auch von Team-Kollege Hirvonen überholt. Aber lange dauert es nicht, bis sich beide wiedersehen. Ein paar Kilometer später traut Latvala seinen Augen nicht. Hirvonen humpelt noch langsamer vor ihm herum. Dem ist die Aufhängung hinten gebrochen und ist so langsam, dass er auch Loeb vorbei lassen muss. Der kann sich diesmal nicht wegen fehlender Fairness beschweren. Der Finne lässt ihn kampflos passieren.
Etappe 3 (27. März)
Vor Loeb liegt nun eine Mammutaufgabe. Er hat nur vier WPs (oder 105 km) Zeit, um die 37,6 Sekunden Lücke auf Ogier zuzufahren. Nicht unmöglich, aber gegen den sehr starken Ogier sehr schwierig. Erstaunlicherweise stellt sich Loeb der Herausforderung nicht. Er gibt sich mit dem zweiten Platz zufrieden und sagt später im Interview: “Ich möchte ihn [Ogier] nicht unter Druck setzen.” Hintergrund: genau dieselbe Situation führte drei Wochen zuvor in Mexiko zum Ausfall von Ogier. Da hat das Team wohl entschieden, Loeb zurückzupfeifen, um Ogier den Druck von den Schultern zu nehmen.
Bei Ford bröseln derweil weiter die Antriebswellen. Nach Latvala am Vortag erwischt es Hirvonen am Sonntag auf WP15. Auch bei Henning Solberg ist Business as Usual angesagt. Bei ihm spinnt, wie so oft die Servolenkung und er macht mal wieder unfreiwillig Krafttraining. Später muckt auch noch der Turbolader. Die Probleme werfen ihn auf Platz 9 zurück. Davon profitieren kann Citroen-Pilot Kimi Räikkönen. Der bleibt in Portugal weitestgehend von Problemen verschont und landet am Ende auf P7. Der einzige Ford-Pilot, der zufrieden aus Portugal abreisen kann ist Matthew Wilson. Der Sohn von M-Sport Teamchef Malcolm Wilson wird als Fünfter bester Nicht-Werksfahrer.
Das neu eingeführte Konzept der “Power Stage” scheint sich zu bewähren. Auch wenn vorne alle Positionen bezogen sind geben die Fahrer auf der letzten Wertungsprüfung noch einmal 100%. Petter Solberg legt mit einer Fabelzeit vor. Latvala pulverisiert diese aber sofort. Und auch Loeb kann noch kontern. Ogier hingegen geht auf Nummer sicher. Er wird nur Dritter und sichert sich damit den letzten Bonuspunkt. Den Sieg kann ihm aber keiner mehr nehmen. Er setzt sich damit zum dritten Mal in seiner Karriere gegen Loeb durch. Petter Solberg kommt 10:17 min hinter Ogier ins Ziel. Betrachtet man die 10 Strafminuten vom Freitag, so hätte der Norweger realistische Siegchancen gehabt.
Ergebnisse
- Sébastien Ogier (Citroen)
- Sébastien Loeb (Citroen) +31.8
- Jari-Matti Latvala (Ford) +3:22.1
- Mikko Hirvonen (Ford) +6:16.3
- Matthew Wilson (Ford) +7:48.5
- Petter Solberg (Citroen) +10:17.4
- Kimi Räikkönen (Citroen) +10:54.1
- Federico Villagra (Ford) +11:38.8
- Henning Solberg (Ford) +14:16.4
- Dennis Kuipers (Ford) +17:54.6
WM-Stand
- Hirvonen (58 Punkte)
- Loeb (58)
- Latvala (48)
- Ogier (41)
- P. Solberg (31)
- Østberg (28)
- Wilson (12)
- H. Solberg (10)
- Räikkönen (10)
- Andersson (6)





