WRC Rally Italien 2011: Goodbye Sardinien
Dennis GerikeMINI ist zurück! Nach fast einem halben Jahrhundert geben die Briten wieder Vollgas im Rally-Circus. Dani Sordo und Kris Meeke wurden als Fahrer verpflichtet, um in die Fußstapfen von Paddy Hopkirk, Timo Mäkinen und Rauno Altonen zu treten – allesamt Gewinner der berühmten Rally Monte Carlo auf BMC Mini Cooper S. Von klein kann heutzutage aber keine Rede mehr sein. Die aktuellen MINIs sind ausgewachsene Renngeräte. Bei den Abmessungen überbietet der eingesetzte Countryman sogar Citroens DS3 und den Fiesta von Ford.
Die Motoren stammen von BMW und sind die gleichen 1,6-Liter-Turbo-Benziner, wie sie auch in der Tourenwagen-WM (WTCC) zum Einsatz kommen. Dank der Regelangleichungen zwischen WRC und WTCC ergeben sich für die Hersteller Synergie-Effekte, die derzeit aber nur BMW (weil in beiden Serien aktiv) ausnutzen kann. Durchgeführt wird das WRC-Projekt von BMW Motorsport, unterstützt von Prodrive. Oder war es anders herum?
Prodrive ist jedenfalls der beste Partner, den sich BMW hätte aussuchen können. Die Truppe um David Richards ist extrem erfahren und hat nicht umsonst schon drei Fahrer- und drei Markentitel geholt, auch wenn der letzte inzwischen schon acht Jahre zurückliegt. Petter Solberg holte damals auf Subaru den Titel und ist aktuell neben Sébastien Loeb der einzig noch aktive Rally-Weltmeister im Feld.
Und es gibt weitere positive Nachrichten. Volkswagen hat während des Wochenendes seinen Einstieg in die Rally-WM bekannt gegeben. Ab 2013 werden die Wolfsburger als vierter Hersteller die WRC verstärken. Analog zu den Einsatzgeräten von Ford, Citroen und MINI wird auch VW einen Kleinwagen einsetzen. Der Polo wurde auserkoren in einer 5-Jahres-Mission den WM-Titel nach drei Jahrzehnten wieder nach Deutschland zu holen. Das letzte mal, dass ein deutsches Fabrikat gewonnen hat, war 1984 mit Stig Blomqvist auf einem Audi Quattro.
Ganz unbefleckt ist der drittgrößte Autokonzern der Welt in Sachen Rally-Sport nicht. Sie haben zum einen in den letzten Jahren die Dakar-Rally dominiert und drei mal in Folge gewonnen, zum anderen waren sie mit der Konzerntochter Skoda bis 2006 in der WRC involviert – zuerst mit dem Octavia, dann mit einem Fabia. Wirklich erfolgreich war aber keines der beiden Modelle.
Jetzt die schlechte Nachricht. 2011 war Sardinien das letzte mal Gastgeber für die Rally-WM. Die Verantwortlichen wollen in Zukunft wieder zurück aufs Festland. Ab 2013 könnte die Rally Italia daher wieder nach Norditalien zurückkehren, um die San Remo wiederzubeleben.
Etappe 1 (6. Mai)
Nachdem Sébastien Loeb bei der vergangenen Veranstaltung in Jordanien die Führung in der WM übernommen hat, fällt ihm nach langer Zeit mal wieder die zweifelhafte Ehre zu, als erstes auf die Strecke gehen zu dürfen (und für die Nachfolgenden die Straße zu kehren). Hirvonen freut sich. Muss er doch nach drei Rallys in Folge nicht mehr diesen “Drecksjob” übernehmen. Latvala freut sich nicht. Der zweite Finne im Ford-Team rollt seinen Fiesta schon auf der ersten Wertungsprüfung ab. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass es dieses Mal ausnahmsweise nicht seine, sondern die Schuld seines Co-Piloten Miikka Anttila war, der eine Pace Note falsch vorgelesen hat. Das Auto sieht nach der Rolle ziemlich gerupft aus, fährt aber noch. Bloß nicht mehr sehr lange. In WP2 muss Latvala seinen Dienstwagen abstellen.
Petter Solberg macht, was er immer macht: nicht aufgeben und Vollgas geben. Die erste Bestzeit gehört ihm. Ihm bleibt das Pech aber treu. Turboprobleme werfen den Norweger auf der zweiten Wertungsprüfung auf Platz 10 zurück. Mit dem ersten Sieg nach sechs Jahren ist es also wieder einmal Essig. Bei seinem Bruder Henning brennt die Hütte – im wahrsten Sinne des Wortes. Nach einem ziemlich heftigen Kontakt mit einem Brückengeländer gerät sein Ford Fiesta im Heckbereich in Brand. Da das Malheur im Zielbereich passiert kann das Feuer von den Streckenposten aber recht schnell gelöscht werden.
Die MINIs schlagen sich bei ihrem Debut sehr gut. Nach WP2 ist Kris Meeke Gesamtvierter. Dani Sordo folgt auf Platz sieben. Erst WP4 verhagelt die gute Laune im Team. Meeke fliegt nach einem stecken gebliebenen Gaspedal von der Strecke und reißt sich das linke Vorderrad ab. Die Rally ist für den Briten vorerst vorbei.
Die technisch sehr anspruchsvolle Strecke mit ihren viele Kurven und wenigen Geraden erfordert von den Piloten über die gesamte Zeit die volle Konzentration. Die kann Evgeny Novikov nicht aufbringen. Für ihn heißt es ab durch die Hecke. Nachdem der Russe lange Zeit auf einem exzellenten dritten Platz fährt missversteht der Russe auf WP7 eine Ansage des Beifahrers und versenkt seinen Fiesta in der italienischen Flora. Ausgestattet mit ordentlich Strafzeit kann er die Rally am Samstag aber wieder fortsetzen.
Obwohl in einer besseren Position gestartet, tut sich Hirvonen verdammt schwer, Loeb hinter sich zu halten. Im Laufe der Etappe fällt er sogar hinter den Franzosen zurück, der sich in ausgezeichneter Form präsentiert. Unter dem Druck des Weltmeisters macht Mikko einen kleinen Fehler. Er kommt der natürlichen Streckenbegrenzung zu nahe und wird mit einem Reifenschaden bestraft, der ihn auf dem Weg ins Ziel insgesamt 51 Sekunden kostet.
Während es für Loeb nur den Angriff nach vorne gibt entscheidet sich Teamkollege Ogier für die entgegengesetzte Taktik. Er verbummelt absichtlich über 20 Sekunden, damit er hinter Hirvonen auf Platz 4 fällt. Die Franzosen nehmen Ford somit in die Zange. Sollte das Straßenfeger-Problem am Samstag stärker werden könnte sich Ogier leicht an Hirvonen vorbeischieben. Tritt das Gegenteil ein, kann Loeb vorne locker wegziehen und seinen 64. Sieg einsacken. Da Hirvonen seinen Wingman Latvala schon auf der ersten WP verloren hat ist der Finne auf sich allein gestellt. Die einzige Taktik kann für ihn nur Vollgas lauten.
Etappe 2 (7. Mai)
Der zweite Tag startet mit der längsten Prüfung der gesamten Rally. 30 km stehen auf dem Programm und Petter Solberg nutzt sofort die Gelegenheit, um sein Pech weiter zu pflegen. Er fährt sich auf der Monte-Lerno-Prüfung einen schleichenden Plattfuß ein. Statt wichtige Sekunden auf Loeb gut zu machen verliert er wieder wertvolle Zeit auf den Spitzenreiter. Zählt man alle Reifenschäden in dieser Saison zusammen, so dürfte der Norweger mit Abstand die meisten gesammelt haben. Hier in Sardinien war der Grund wohl eine zu aggressive Fahrwerksabstimmung (zu viel Sturz).
Trotzdem ist Solberg noch immer voll im Kampf um den zweiten Platz (oder vielleicht sogar den Sieg?) dabei. Zusammen mit Hirvonen und Ogier kommt es am Vormittag zu einem erbitterten Dreikampf. Zur Halbzeit findet sich Solberg im Sandwich von Ogier und Hirvonen wieder. Zeitweise ist das Trio keine zwei Sekunden auseinander. Was ihnen Sorgen machen sollte ist der Vorsprung von Loeb. Zwischen 5 und 15 Sekunden konnten dessen Verfolger nur auf den Weltmeister gut machen – und das auf immerhin 70 km. Selbst der ärgste Verfolger, Hirvonen ist mit 30,9 Sekunden Rückstand noch dick im Minus. Am Nachmittag, wenn die drei Wertungsprüfungen erneut gefahren werden, ist für die Verfolger mit noch weniger Zeitgewinn zu rechnen, da die Piste dann sauberer ist und die Vorrausfahrenden weniger benachteiligt sind.
Loeb braucht nach eigenen Angaben vor der letzten Etappe mindestens 20 Sekunden Vorsprung, um am Sonntag auch gewinnen zu können. Zwischen den Zeilen gelesen heißt das: bekommt er diese 20 Sekunden nicht zusammen wird er sich wohl Ogiers Taktik anschließen. Er wird sich also zurückfallen lassen, sei es nun durch bummeln in der WP oder durch provozieren von Zeitstrafen oder ähnlichem. Als Vollblut-Racer geht Solberg das Taktieren naturgemäß voll gegen den Strich. Er hat es 2010 und 2011 ab und zu (mit mäßigem Erfolg) ausprobiert. Jetzt hat er genug davon: “I’m fed off with this tactic things”. Von nun an gilt nur noch volle Attacke: “I know I can beat Loeb [...] but I need some luck, guys.”
Loeb muss die Taktikkeule glücklicherweise nicht rausholen. Er kann seine Verfolger am Nachmittag auf Distanz halten. Mikko Hirvonen kann nur sieben Sekunden vom Vorsprung abfeilen. Für Loeb bleiben damit noch 23,8 Sekunden über.
Und dann waren da noch Latvala und Meeke. Das gute an Jari-Mattis Unfall am Freitag: er hat nichts mehr zu verlieren. Er startet mit 35 Minuten Rückstand und kann somit völlig ohne Druck, aber mit vollem Einsatz fahren. Das Ergebnis sind fünf der sechs Tagesbestzeiten. Nur auf WP13 muss er sich Ogier um läppische 0,4 Sekunden geschlagen geben. Kris Meeke hingegen fährt auf dem Abschleppwagen nach Haus. Nach dem ersten Rückschlag am Freitag beendet ein Wasserleck auf WP10 die Rally des MINI-Piloten endgültig.
Etappe 3 (8. Mai)
An Ausschlafen ist am Sonntag nicht zu denken. Die letzte Etappe startet früh am Morgen. Schon um 6:50 wird der erste Fahrer auf die letzten 66 der insgesamt 340 km losgelassen. Es sind also gerade mal noch ein fünftel der Gesamtdistanz zu fahren. Zurücklehnen kann sich Loeb aber noch nicht. Er ist zwar ganz klar Favorit auf den Sieg, aber 20 Sekunden kann man so schnell verspielen, da ist noch alles offen.
Hirvonen macht das einzig richtige. Er setzt Loeb kräftig unter Druck. 3,6 Sekunden nimmt er dem Franzosen auf WP15 ab. Auf WP16 wirft er das leider wieder weg. An einer Stelle ist er zu schnell und schießt an einer Abzweigung vorbei. Ein extrem ärgerlicher Fehler, wenn man bedenkt, dass der Finne auf der gleich langen Terranova-Prüfung (WP17) Loeb wieder 10,5 Sekunden abknöpfen kann.
Ogier bringt sich derweil selbst um den letzten Podestplatz. Sein Citroen muss einen heftigen Schlag einstecken, woraufhin die Aufhängung hinten kollabiert. Er humpelt mit weit über einer Minute Rückstand ins Ziel. Auch Mads Østberg ist noch nicht ganz ausgeschlafen. Er missachtet eine Pace Note seines Beifahrers Jonas Andersson und wird mit einem Dreher bestraft. Er kann aber weiterfahren und bleibt relativ komfortabel auf Platz 5. Dahinter folgt Dani Sordo, der im MINI-Lager für gute Laune sorgt. Auch wenn auf der Agenda eigentlich ein fünfter Platz stand, beim Debut-Rennen des Countryman auf Platz 6 zu fahren ist aller Ehren wert. Das sahen auch die Veranstalter so und vergaben den Spirit of the Rally Award an die Prodrive-Mannschaft.
Auf WP17 schlägt die Stunde von Petter Solberg. Er fährt mit Abstand die beste Zeit, knöpft Hirvonen über 10 Sekunden ab und bringt sich damit wieder in echte Schlagdistanz zum zweiten Platz (5,8 Sekunden hinter dem Finnen). Die Entscheidung fällt damit, wie so oft in diesem Jahr erst auf der letzten Wertungsprüfung, der Power Stage. Loeb sollten die 14 Sekunden Vorsprung auf Hirvonen eigentlich genügen, aber der Franzose hat hier auf Sardinien schon früher Fehler gemacht. 2007 parkte er sein damaliges Arbeitsgerät, den Citroen C4 im Unterholz.
Der Showdown beginnt. Latvala haut auf der Power Stage eine Top-Zeit raus, an der sich Petter Solberg die Zähne ausbeißt. Über fünf Sekunden fehlen dem Norweger, aber der dritte Gesamtrang ist damit gesichert, und damit das erste Podium dieses Jahr. Für das Privatteam, das um jeden Cent kämpfen muss ist das ein sehr wichtiger (Zwischen-)Erfolg.
Ogier kommt auch nicht an die Zeit von Latvala ran. Ihm fehlen 1,7 Sekunden. Bleiben noch Hirvonen und Loeb. Der Finne kann aus eigener Kraft nicht mehr gewinnen, das weiß er. Aber er kann seine Chancen erhöhen, indem er Loeb konstant unter Druck setzt. Und das tut er auch. Er absolviert die 8,24 km lange Gallura-Stage 1,4 Sekunden schneller als Team-Kollege Latvala und gibt Loeb damit was zum Denken.
Erst ein einziges mal hat es für den Dauersieger heuer zum ersten Platz gereicht. Jetzt muss Loeb zeigen, dass er das Gewinnen nicht verlernt hat. Obwohl er mit einem komfortablen Vorsprung in die letzte Prüfung geht, zeigt der Franzose tatsächlich Nerven. Er fährt eine Spitzkehre im zu hohen Gang an, verliert den kompletten Vortrieb und würgt fast den Motor ab. Man kann die Sekunden förmlich davonrennen sehen, bis sein Citroen wieder an Schwung gewinnt. Am Ende rollt er mit 2,8 Sekunden Rückstand auf Platz drei ins Ziel und sichert sich den letzten Bonuspunkt. In der Endabrechnung siegt er mit 11,2 Sekunden Vorsprung vor Hirvonen und bekommt dafür 25 Punkte. Sein Punktepolster auf den Finnen wächst damit auf sieben Zähler an. In Argentinien darf Loeb somit wieder von ganz vorne starten.
Ergebnisse
- Sébastien Loeb (Citroen)
- Mikko Hirvonen (Ford)
- Petter Solberg (Citroen)
- Sébastien Ogier (Citroen)
- Mads Østberg (Ford)
- Dani Sordo (MINI)
- Ott Tanak (Ford)
- Juho Hänninen (Skoda)
- Matthew Wilson (Ford)
- Martin Prokop (Ford)
WM-Stand
- Loeb (100 Punkte)
- Hirvonen (93)
- Ogier (81)
- Latvala (68)
- P. Solberg (46)
- Østberg (38)
- Wilson (24)
- Räikkönen (18)
- Villagra (12)
- H. Solberg (10)
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Tags: BMW, Citroen, Dakar, Ford, Italien, MINI, Rally, Sardinien, VW




