WRC Rally Schweden 2012
Dennis GerikeDie Schweden-Rally hat eine sehr lange Tradition. Sie wird seit 1950 ausgetragen und gehört seit 1973 offiziell zur Rally-Weltmeisterschaft. Wer hier gewinnen will muss Skandinavier sein. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern ist einfach eine Frage der Statistik. Bisher konnte nur ein einziger Mann die Phalanx der Nordmänner durchstoßen. Das war anno 2004. Da gewann Ausnahmetalent Sébastien Loeb auf einem Citroen Xsara. Ansonsten stehen nur Finnen und Schweden in den Geschichtsbüchern – interessanterweise mit Petter Solberg auch nur ein einziger Norweger.
Ford war hier bei den letzten fünf Veranstaltungen siegreich. Zweimal ging die Trophäe an Marcus Grönholm, zweimal an Mikko Hirvonen und einmal an Jari-Matti Latvala. Letzterer muss auch 2012 als Favorit angesehen werden, obwohl die Konkurrenz stärker geworden ist. Durch Hirvonens Wechsel von Ford zu Citroen hat es natürlich auch einen Know-How-Transfer zum französischen Team hin gegeben. Das sollte vor allem Loeb zu Gute kommen, der sich beim Finnen ein paar Setup-Tricks abschauen kann und damit in der Lage sein sollte, aus eigener Kraft in Schweden siegfähig zu sein.
Nasser Al-Attiyah musste den Saisonauftakt in Monte-Carlo auslassen, ist ab der Schweden-Rally aber fest bei allen verbleibenden Läufen dabei. Er fährt einen privat eingesetzten Citroen DS3 im Qatar World Rally Team. Auch Mads Østberg steigt erst hier in Schweden in die WRC ein. Sein Arbeitsgerät ist ein Ford Fiesta vom Team Adapta, sein Team-Kollege ist Landsmann Eyvind Brynildsen. 2011 war Østberg der Überraschungsmann der Rally Schweden. Auch diesmal möchte der Norweger wieder ein Ausrufezeichen setzen. Eine Platzierung jenseits des Podests wäre eine Enttäuschung für den 24-jährigen.
Die Finnen haben ihren eigenen WM-Lauf. Die Schweden haben ihren eigenen WM-Lauf. Nur die Norweger haben keinen. Damit die nicht komplett leer ausgehen, führt fast die gesamte erste Etappe über norwegischen Boden. Das Hauptquartier der Rally liegt im schwedischen Karlstad, nur runf 125 km von der norwegischen Grenze entfernt. (Nur am Rande: so etwas Ähnliches könnte auch hierzulande passieren. Im Gespräch ist, die Rally Deutschland und die Rally Frankreich zusammenzulegen.)
Über den Winter gab es ein paar Regeländerungen. Eine davon betrifft den Shakedown. Während dieser bisher immer ein Trainingslauf war und hauptsächlich für letzte Tests und Checks genutzt wurde, ist er in diesem Jahr aufgewertet worden und dient nun auch als Qualifikation. Hintergrund ist das sogenannte Straßenfeger-Problem. Das Reglement sieht vor, dass der WM-Führende am ersten Tag einer Rally jeweils als erstes auf die Strecke gehen muss. Da liegt im Normalfall aber noch viel loser Schotter auf der Straße, der naturgemäß nur wenig Grip liefert. Mit jeder Überfahrt blasen die WRC-Autos viel von dem losen Gestein von der Linie und irgendwann kommt dann der harte Untergrund zum Vorschein, der wesentlich schnellere Zeiten zulässt. Die Zeitunterschiede, die dabei entstehen können sind zum Teil enorm. Eine Minute auf 100 km waren in der Vergangenheit keine Seltenheit (siehe dazu auch der Artikel “Wer hat Angst vorm ersten Platz” von 2010.) Auf Schnee besteht das Problem in ähnlicher Form, weshalb hier in Schweden ebenfalls die Schotter-Regel greift. Bei Asphalt-Rallys gibt es keine Qualifikation. Dort wird nach dem alten System gefahren.
Wieder zurück zum Geschehen. Latvala ist der Glückliche, der sich die erste “Pole Position” der WRC-Geschichte sichern kann. Während Loeb in den Trainingsläufen immer schneller war, bekommt es Jari-Matti im entscheidenden Durchgang besser zusammen. Der Finne darf nun als erstes seine Startposition für die erste Etappe wählen. Er entscheidet sich für Startplatz 17. Seine direkte Konkurrenz versammelt sich mit den Startplätzen 15 bis 20 um ihn herum.
Etappe 1 (9. – 10. Februar)
MINI gelingt ein guter Start in die Rally. Speerspitze Dani Sordo holt sich am Donnerstagabend auf der 1,9 km langen Zuschauerprüfung Karlstad 1 die erste Bestzeit. Kollege Sandell fährt die achtbeste Zeit. Auch wenn dies keine wirkliche Aussagekraft hat und nichts ist worauf man irgendeine Prognose auf den Rallyausgang bauen könnte so ist dies doch ein wichtiges und motivierendes Ergebnis für das Prodrive-Team – gerade im Hinblick auf die finanziellen und politischen Probleme im Zusammenhang mit MINI bzw. BMW. (Mehr zu dem Thema in Kürze in einem separaten Artikel.)
Wirklich interessant wird’s am nächsten Morgen. Der frische Schnee fordert schnell seine ersten Opfer (weswegen sich die Toppiloten ja für die späten Startpositionen entschieden hatten). Der Este Ott Tänak findet nicht allzu viel Grip vor und kommt mit seinem Fiesta von der Strecke ab und gräbt sich in eine Schneebank ein. Paulo Nobre (MINI) strandet mit technischen Problemen.
Petter Solberg kommt der Abstecher nach Norwegen – in seine Heimat – natürlich entgegen. Er hat einen echten Heimvorteil, denn eine der Prüfungen führt direkt an seinem Hof vorbei. Er kennt die Strecken auf der ersten Etappe also in und auswendig. Das setzt er auch konsequent in super Zeiten um. Dank der besseren (weil etwas späteren) Startposition können sich Latvala, Hirvonen und Loeb aber knapp vor ihn schieben.
Auf der vierten Prüfung ist Petter etwas überambitioniert. Er verzettelt sich in einer Kurve etwas und braucht ein paar Sekunden, um wieder zurück auf die Strecke zu kommen. So wechselt am Vormittag ein ums andere Mal die Führung. Vor dem Mittags-Service ist es dann Hirvonen, der die Nase knapp vor Latvala hat. Entschieden ist aber noch nichts.
MINI-Pilot Richard Göransson kommt einmal mit einem Fehler davon. Er schaufelt sich nur etwas viel Schnee in die Kühler. Beim zweiten Mal ist dann aber Feierabend, da steckt er nämlich in einer Schneebank fest. Sordo, im Nicht-mehr-Werks-MINI ereilt fast das gleiche Schicksal. In einer Rechts-Kurve auf WP7 ist er zu schnell, rutscht in die “Auslaufzone”, kommt aber mit genügend Anlauf in bester Hollywood-Manier über (oder besser durch) einen kleinen Schneewall wieder zurück auf die Strecke (siehe Foto links). Tänak macht an der Stelle den gleichen Fehler, kommt aber nicht so weit von der Linie ab und ist schnell wieder auf Kurs. Sébastien Loeb wird das dritte Opfer dieser Kurve. Der achtfache Champion kommt so ungünstig an, dass er im Schneewall hängen bleibt und nur mit Hilfe der umstehenden Fans wieder befreit werden kann. Er fällt auf Platz 11 zurück.
Und es geht munter weiter. Jari Ketomaa versenkt seinen Ford Fiesta am Nachmittag im Tiefschnee und Sordo erwischt es nur wenig später. Einen Fehler gewährt der Rally-Gott den Teilnehmern, aber keinen Zweiten. Der MINI des Spaniers frisst auf WP8 zuviel Schnee und überhitzt in Folge dessen. Für die nachfolgenden Fahrer bietet sich ein Bild, wie aus Mad Max. Links und rechts säumen ausgeschiedene Fahrzeuge die Straße.
Mikko Hirvonen kommt auf der zehnten, der letzten WP des Tages mit einer Mine ins Ziel, als wenn die Welt untergehen würde. Seine Reifen waren völlig am Ende und das hat man auf den TV-Bildern auch gesehen. Der Finne kam zum Teil mit Driftwinkeln um die Ecken, die einem den Glauben an die Physik verlieren ließen. 15 Sekunden verliert er auf der Prüfung und gibt seine Führung damit wieder an Latvala ab.
Etappe 2 (11. Februar)
Nachdem knapp die Hälfte der Rally absolviert ist, ist absehbar, dass es Hirvonen und Latvala unter sich ausmachen werden. Weder Østberg noch Solberg können die Pace der beiden Finnen mitgehen und Loeb leistet sich weitere Fehler, die ihn immer wieder zurückwerfen. Spätestens ab der Wertungsprüfung 17 ist für den Mann aus dem Elsass mehr Frust denn Lust angesagt. Diesmal ist es ein Reifenschaden, der ihm die Tour vermasselt.
Ein kleines Highlight hält der zweite Tag noch bereit. Colin’s Crest auf der Vargasen-Prüfung (WP11 + WP15) steht auf dem Programm. Dabei handelt es sich um eine Sprungkuppe, die nach der berühmten, 2007 verstorbenen Rally-Legende Colin McRae benannt ist und jedes Jahr den mutigsten Fahrer sucht. 2011 setzte Ken Block die absolute Bestmarke mit einer Weite von 37 Metern. Dieses Jahr fliegt Tänak mit 32 Metern am weitersten. Eine Schneebank verschluckt den Esten später (in WP12) aber wieder einmal, nur um dann auf WP13 eine Bestzeit zu setzen.
Danach wird es taktisch. Auf WP16 setzt der Reifen- bzw. Spike-Poker ein, denn für die nächsten drei Wertungsprüfungen gilt es, sich die Reifen gut einzuteilen. Dazu herrschen verschiedene Meinungen im Feld. Hirvonen und Østberg verfolgen eine reifenschonende Taktik. Latvala und Solberg kündigen an, voll anzugreifen, weil sie glauben, dass die Reifen durchhalten werden. Letztlich fahren doch alle Zeiten, die recht nah beieinander liegen. Hirvonen ist schneller gefahren, als er wollte und Latvala nimmt irgendwann zum Reifenschonen doch Tempo raus. Beide sind insgesamt trotzdem zu aggressiv unterwegs gewesen. Denn auf der vereisten Zuschauerprüfung WP18 haben sie mit starkem Haftungsverlust zu kämpfen. Die Spikes sind zu weit runter- bzw. abgefahren. Beide kommen erst jenseits der Top 10 ins Ziel. In der Summe hat Latvala seine Gummis über die drei Prüfungen am besten eingeteilt. Er kann seinen Vorsprung auf Hirvonen etwas ausbauen. Mads Østberg glaubte sich ebenfalls auf einer sehr guten Strategie, hat dann aber auf WP17 mit Gremlins (elektrische Probleme) im Auto zu kämpfen und kann seinen Vorteil nicht ausspielen.
Vor dem Wochenende hat Latvala im Interview noch angegeben: “[...] Dabei nutzen wir noch größere Driftwinkel als auf Schotter, gelenkt wird vornehmlich mit dem Gaspedal.” (motorsport-total) Petter Solberg nimmt das etwas zu wörtlich. Auf der zweiten Vargasen-Durchfahrt legt der Norweger einen absoluten Monster-Drift hin. In einer schnellen rechts stellt er seinen Fiesta (unfreiwillig) um 90° an. Der Blick nach vorne aus der Windschutzscheibe liefert nichts weiter als zugeschneite Bäume, nur noch Wald. Trotzdem schafft es Petter irgendwie wieder mit der Schnauze nach vorne aus der Kurve herauszukommen. Respekt!
Etappe 3 (12. Februar)
Latvala ist mit seinem 23-Sekunden-Polster leicht im Vorteil als es auf die letzten 85 Kilometer geht. Hirvonen versucht am Sonntag-Morgen mit Setup-Änderungen noch ein Quäntchen mehr Speed aus seinem Citroen DS3 herauszukitzeln. Der Schuss geht aber nach hinten los. Die Anpassungen machen das Auto langsamer und Hirvonen muss sich geschlagen geben. Er beschränkt sich jetzt aufs absichern des zweiten Platzes.
Solberg hat seit dem Vortag ein handfestes Duell um die dritte Position an der Backe, welches aber leider durch Pech vorzeitig entschieden wird. Auf WP22 fängt sich Solberg nach “Steinschlag” einen Plattfuß vorne rechts ein. Auch an der Spitze bahnt sich ein Drama an. Latvala erleidet nämlich dasselbe Schicksal. Er rumpelt über denselben Stein und schlitzt sich ebenfalls das rechte Vorderrad auf. Sein Vorsprung schmilzt auf nur noch acht Sekunden. Um Hirvonen gar nicht erst auf falsche Gedanken zu bringen gibt er auf der nächsten Prüfung nochmal alles. Er ist 4,5 Sekunden schneller und zieht Hirvonen damit den Zahn. Da nur noch die knapp 5 km kurze PowerStage folgt hat Latvalas ehemaliger Teamkollege keine realistische Chance mehr zu gewinnen.
Tänaks Ups und Downs enden mit einem weiteren Down. Er muss seinen WRC-Fiesta kurz vor Schluss wegen Motorproblemen abstellen. Novikov hingegen schließt die Rally wieder mit einem guten Ergebnis ab. Wie in Monte-Carlo springt für ihn der fünfte Platz heraus. Loeb kommt einen Platz hinter ihm ins Ziel. Da er nichts mehr zu verlieren hat geht er auf der PowerStage volles Risiko. Er gewinnt diese und holt sich damit noch drei Bonuspunkte – Schadensbegrenzung.
Ford schafft es also, die Siegesserie in Schweden aufrecht zu erhalten. Nach Hirvonen kann nun auch Latvala in Schweden zwei Siege vorweisen. Der Finne freut sich riesig über diesen Erfolg und Solberg, der auf Platz vier einläuft gratuliert: “I’m very proud of you.”
Es bleibt festzuhalten: das berühmte Zitat “If you wanna win, get a Fin!” hat nach wie vor seine Gültigkeit in der Rally-WM.
Ergebnisse
- Jari-Matti Latvala (Ford)
- Mikko Hirvonen (Citroen) +16.6
- Mads Østberg (Ford) +38.8
- Petter Solberg (Ford) +1:14.3
- Evgeny Novikov (Ford) +2:41.4
- Sébastien Loeb (Citroen) +2:55.1
- Henning Solberg (Ford) +3:49.5
- Patrik Sandell (MINI) +5:08.9
- Martin Prokop (Ford) +5:30.0
- Eyvind Brynildsen (Ford) +6:27.2
WM-Stand
- Loeb (39 Punkte)
- Hirvonen (32)
- P. Solberg (29)
- Latvala (26)
- Novikov (21)
- Sordo (18)
- Østberg (15)
- Delecour (8)
- H. Solberg (6)
- Campana (6)
Links
- www.wrcford.com/
- www.citroen-wrc.com/en/2012/pictures/wrc-photos/2360/rally-sweden/









03. April 2012 um 11:27
Anmerkung: Die Schweden-Rally fand vor der Mexiko-Rally statt. Der Artikel entstand aber erst danach. Um die chronologische Reihenfolge im Blog zu erhalten ist dieser Artikel zurückdatiert. (Original-Datum: 03.04.2012)