
Sébastien Loeb macht wieder alle nass
Die Wales GB ist traditionell die letzte Rally im Jahr. Heuer bedeutet das aber nicht nur den Abschied in die Winterpause. In Wales wurden dieses Wochenende auch zum letzten mal die WRCs, die World Rally Cars ausgepackt. Nach 14 Jahren greift ab 2011 ein neues Fahrzeug- und Motoren-Reglement. Ford mottet den Focus ein und startet mit dem Fiesta in die neue Saison. Citroen sattelt um auf die DS3. Und Mini stößt mit dem Countryman neu zur Meisterschaft hinzu. Die Motoren schrumpfen zwar von 2000 auf 1600 Kubik, werden insgesamt aber nur wenig an Leistung verlieren. Die Rally-Flöhe werden also weiterhin knapp über 300 PS leisten. Beim Drehmoment sieht das ganze etwas anders aus. Die Fahrer werden sich mit rund 40% weniger bescheiden müssen. Der Citroen C4 konnte bisher mit (offiziell) 570 Nm wuchern, der Turbomotor der DS3 wird nur rund 350 Nm bereitstellen können. Trotzdem könnte der Plan aufgehen. Die massive technische Abrüstung, der kürzere Radstand der Fahrzeuge und das gesunkene Mindestgewicht könnten wieder zu spektakuläreren Drifts führen, wie man sie noch aus Colin McRaes Zeiten kennt. Im Februar werden wir es genau wissen. Dann findet der erste Lauf in Schweden statt.
Aber noch sind wir in 2010. Obwohl schon seit dem Lauf in Frankreich Anfang Oktober alle Pokale vergeben sind hatte die Wales Rally trotzdem noch viel Würze. Drei Piloten (Ogier, Solberg und Hirvonen) hatten noch die Chance auf den zweiten Platz in der WM, und auch Loeb hatte keine Lust sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Ohne den Titeldruck im Nacken konnte er voll auf Angriff fahren. Völlig egal, ob der Wagen bei dem Versuch zu gewinnen im britischen Unterholz landet. Das Auto wird nach der Rally sowieso höchstens noch fürs Museum gebraucht. Auch nicht ganz unwichtig: der Statistik-Aspekt. Jeder der Topfahrer möchte natürlich als derjenige in die Geschichtsbücher eingehen, der das letzte Rennen auf einem WRC-Auto gewann. Bei den Gruppe-A-Autos war das damals Colin McRae im Subaru Impreza 555 (1996). Zehn Jahre zuvor beendete Markku Alén auf einem Lancia Delta S4 die Gruppe-B-Ära mit dem letzten Sieg.
Sauwetter auf der Insel
Dafür, dass das britische Wetter sein bestes gab, seinem schlechten Ruf gerecht zu werden, hielten sich die Dramen am ersten Tag der Wales Rally GB in Grenzen. Zwar leistete sich bei den widrigen Bedingungen fast jeder der Topfahrer einen Dreher oder Ausrutscher, letztendlich waren aber keine Ausfälle zu beklagen. Petter Solberg wurde zusätzlich noch von Getriebeproblemen geplagt, konnte sich aber trotzdem auf Platz 2 halten. Daniel Sordo brachte seinen Adrenalinspiegel kurzfristig mal in eine neue Umlaufbahn. Auf Wertungsprüfung 5 legte er einem Highspeeddreher im 6. Gang hin, der aber zum Glück glimpflich ausging. Außer Zeit und einer Position verlor der Spanier nichts weiter. Am härtesten traf es Jari-Matti Latvala. Ein Plattfuß nach Kontakt mit der Streckenbegrenzung kostete ihn eine Minute und warf ihn auf P6 zurück. Doppelt schade, da er die Pace der Citroens mitgehen konnte und die Rally bis zu diesem Malheur sogar anführte.
Kimi Räikkönen, für den eine Rückkehr in die Formel 1 – zumindest für 2011 – ausgeschlossen ist, ließ es die Rally langsam anzugehen. Nachdem er in Spanien seinen C4 schon beim Shakedown verschrottet hatte und unverrichteter Dinge nach Hause gehen musste, war in Wales eine Zielankunft Pflicht – und zwar in den Punkten. Die erste Etappe beendete er auf Platz 10. Das Soll war damit vorerst erfüllt.
Auch Petter Solberg hat sich viel vorgenommen. Sein Ziel: den dritten Platz in der Weltmeisterschaft zu erobern. Das geht am besten mit einem Sieg. Zumal sein letzter jetzt schon fünf Jahre zurückliegt (2005, Subaru Impreza) und die nächste Gelegenheit eventuell nicht mehr kommt. Solberg: “Ich habe keinen Werksvertrag, ich habe kein Auto, und ich habe keinerlei Geld.” Es wäre eine Schande, wenn der Norweger 2011 kein Cockpit abbekommen würde. Er ist einer der schnellsten im Rally-Circus und war nicht umsonst schon einmal Weltmeister. Ohne ihn würde der WRC-Welt einiges verloren gehen. Seine muntere Art und seine Interviews sind einfach nur erfrischend. Er gibt kein inhaltsleeres Gefasel von sich, wie man es von Loeb oder Schumacher kennt, sondern sagt geradeaus und ehrlich, was er denkt.
Zurück auf die Insel, zurück zum Geschehen in Wales. Nachdem die Protagonisten am Vortag alle mehr oder weniger glimpflich davon kamen zog der Renngott am Samstag härtere Saiten auf. Seinen Zorn bekam vor allem Sébastien Ogier zu spüren. Kurz vor Ende der ersten Wertungsprüfung verlor er kurz die Konzentration und rollte seinen C4 eine Böschung hinab. Das Ergebnis: ein beschädigter Überrollkäfig und damit keine Freigabe, das Rennen fortzusetzen. O-Ton von Ogier: “Ich bin dumm.” Der sicher geglaubte zweite Platz in der WM, den er sich die Saison über hart erarbeitet hatte war damit in größter Gefahr. Profitieren konnte Hirvonen, der sich damit still und heimlich auf die dritte Position schlich, wenn auch schon mit ordentlich Rückstand (>1min). Auch er hatte am Samstag eine Begegnung der dritten Art. Eine kreuzende Schafherde behinderte seinen Vorwärtsdrang kurzfristig. Ein paar zärtliche Bodychecks später war diese Hürde aber auch genommen. Das war die Chance für Latvala nach seinem Pech mit dem Reifenschaden wieder Anschluss zu finden. Bis auf acht Sekunden konnte er die Lücke zu seinem Teamkollegen wieder zufahren und war nach der zweiten Etappe vierter im Zwischenklassement.
Duell der Weltmeister
Weiter vorne duellierten sich Loeb und Solberg aufs schärfste. Beide gaben alles. Beide machten dabei Fehler. Absetzen konnte sich aber keiner von beiden. Wie so oft war Loeb ein µ schneller, aber Solberg konnte sich am Franzosen wie ein Rottweiler festbeißen. Am Ende der zweiten Etappe trennten Weltmeister und Ex-Weltmeister nur 4,8 Sekunden.
Wie von Solberg am Abend zuvor vorhergesagt, und auch wenig überraschend (und auch nicht verwerflich) fand am Sonntag der Platztausch zwischen den beiden Ford-Piloten statt. Auf WP18 wehrte sich der eigentliche Nummer-1-Fahrer noch nach Kräften, auf der 19. Prüfung ließ Hirvonen den Kollegen dann aber passieren. Die Tür zu Platz 2 in der Meisterschaft war für Latvala damit offen. Solberg würde jetzt nur noch ein Sieg helfen, um sich in der WM vor den Finnen zu schieben.
Aber Loeb ließ mal wieder überhaupt nichts anbrennen. Schon am Morgen machte er volle Attacke und brummte Solberg fast sieben Sekunden auf. Zwei Prüfungen vor Schluss war der Vorsprung dann auf über 14 Sekunden angewachsen und der Norweger musste einsehen, dass es besser ist den zweiten Platz mitzunehmen, anstatt auf Biegen und Brechen zu versuchen den Sieg zu erzwingen – mit dem Risiko am Ende noch, wie Ogier das Auto aufs Dach zu legen und mit null Punkten nach Hause zu gehen.
Für Kimi Räikkönen sprang am Ende ein solider 8. Platz heraus. Auch wenn man sich als Fan des Icemans vielleicht etwas mehr erhofft hätte, für die erste volle Saison in einem Rally-Auto hat er sich tapfer geschlagen. Und ein 10ter Platz in der WM ist aller Ehren wert. Der Amerikaner Ken Block, der durch seine Gymkhana-Videos berühmt geworden ist und schon ein paar Jahre länger Rallysport betreibt, konnte nur gerade mal zwei magere Punkte zusammenbringen und landete auf Platz 23.
Ergebnisse
- Sébastien Loeb (Citroen)
- Petter Solberg (Citroen) +19.1
- Jari-Matti Latvala (Ford) +1:35.3
- Mikko Hirvonen (Ford) + 1:53.3
- Daniel Sordo (Citroen) +2.12.2
- Henning Solberg (Ford) +6:26.5
- Matthew Wilson (Ford) +8:37.8
- Kimi Räikkönen (Citroen) +10:27.9
- Mads Østberg (Subaru) +12:13.7
- Andreas Mikkelsen (Skoda) +14:01.2
Gesamtklassement (Endstand)
- S. Loeb – 276 Punkte
- J. Latvala – 171 Punkte
- P. Solberg – 169 Punkte
- S. Ogier – 167 Punkte
- D. Sordo – 150 Punkte
- M. Hirvonen – 126 Punkte
- M. Wilson – 74 Punkte
- H. Solberg – 45 Punkte
- F. Villagra – 36 Punkte
- K. Räikkönen – 25 Punkte
Die Wales GB ist traditionell die letzte Rally im Jahr. Heuer bedeutet das aber nicht nur den Abschied in die Winterpause. In Wales wurden dieses Wochenende auch zum letzten mal die WRCs, die World Rally Cars ausgepackt. Nach 14 Jahren greift ab 2011 ein neues Fahrzeug- und Motoren-Reglement. Ford mottet den Focus ein und ...